Echnaton von Philipp Glass im Theater Heidelberg

ECHNATON, © Florian Merdes

Zum zweiten Mal inszeniert die niederländische Tanzdirektorin Nanine Linning eine Oper. Nach Puccinis „Madama Butterfly“ in Osnabrück ist es nun „Echnaton“ von Philipp Glass in ihrer Spielstätte Theater Heidelberg. Nach dem Cross-Over Projekt „Requiem“ 2011 verwischt sie erneut spartenübergreifend die Grenzen zwischen Tänzern, Chor und Solisten.Die hypnotische Minimalmusik von Philipp Glass unterstützt sie bildgewaltig und wie gewohnt mit ausgefallenen Kostümen. Entsprechend begeistert wurde der Abend wurde vom Publikum gefeiert.„Akhnaten“ (Echnaton) ist die letzte Oper seiner Trilogie berühmter Persönlichkeiten der Weltgeschichte. Nach nach Einstein („Einstein on the beach“) und Gandhi („Satyagraha“) rückt Philipp Glass einen Pharao in den Mittelpunkt, der im 14, Jahrhundert vor Christus nicht nur erstmals eine monotheistische Religion staatlich durchsetzte, sondern auch eine große Blütezeit der ägyptischen Kunst nach sich zog. Berühmtestes Zeugnis ist für uns heute das Antlitz seiner Frau Nofretete im Neuen Berliner Museum. Echnaton erhob die Sonnenscheibe Aton zum höchsten aller Götter und erklärte sich und seine Frau kurzerhand zu den einzigen Mittlern zwischen Gott und den Menschen. Da dies den Priestern des herrschenden Reichsgottes Amun nicht gefiel, kam es schließlich zum Sturz und nahezu komplettem Auslöschen dieser Zeit, die auch für die heutige Wissenschaft nur in Teilen erahnbar bleibt.

Erahnbar und kryptisch bleibt auch die Handlung dieser Oper, die nach ihrer Uraufführung 1984 selten aufgeführt wird – aufgrund der langen rein musikalischen Intermezzi und Chorszenen, die es packend zu füllen gilt.

Dies gelingt der Heidelberger Tanzdirektorin Nanine Linning mit einem Gesamtkunstwerk aus Tanz, Video, ausgefeilter Bewegungschoreographie, die auch vor dem Chor und den Solisten nicht Halt macht. Dank der flexiblen Bühne (Marc Warning), die mit beweglichen Elementen wie Pyramidenform und Kreis entfernt ägyptisch erscheint und dem Kostümspektakel von Georg Meyer-Wiel mit surrealen Kopfbedeckungen, langen Gewändern und überraschenden Details gelingen eindrucksvolle Bilder. Als Echnaton seine Hymne an die Sonne singt, steigt er immer mehr in die Höhe, während sich sein Gewand wie eine Ziehharmonika aufzieht, und die Tänzer wie Luftgeister von der Decke herunterschwingen. Der russische Countertenor Artem Krutko überzeugt stimmlich mit einer Glanzleistung, die dem vierzig Mann starken Chor und dem virtuosen Orchester unter der Leitung von Dietger Holm mithalten kann. Im Terzett mit Nofretete (Amélie Saadia) und deren Mutter Teja Irida Herri) gelingen opernhafte Momente inmitten der repetitiven, oft dunklen Musik. Eher schlaglichtartig als handlungsorientiert beleuchtet die zweieinhalbstündige Oper die Zeit des altägyptischen Pharaos und führt uns durch den Chronisten (Dominik Breuer) schließlich in die heutige Zeit, in der die Stätten des Echnaton nur noch in Bruchstücken erahnbar bleibt.

So wie Echnatons Geschichte, bleibt in Nanine Linnings Inszenierung vieles in der Schwebe.

Archaisch wie eine antike Tragödie, komponiert sie streng statische Bilder, die den Chor en bloc oder im Halbrund zeigen, während die Tänzer die Rhythmik der Musik aufnehmen und Dynamik in die Starre bringen. Sie entwickelt eine Gestik mit Handzeichen, die im Video (Roger Muskee) aufgegriffen werden und die ebenso geheimnisvoll bleiben, wie die Sprache des Libretttos mit Pyramidentexten aus dem ägyptischen Alten Reich, Texten in akkadischer und aramäischer Sprache. Doch als sich Echnaton und Nofretete gegenübersitzen, hat eindeutig das bekannten Kalksteinrelief eines Hausaltars aus Tel el Amarna Pate gestanden: Es zeigt das Pharaonenpaar in einer familiäre Szene mit ihren Kindern auf dem Schoß.

© Julia Reichelt, für das Darmstädter Echo

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