“Darmstadt Schwarz-Weiß“ im Weißen Turm

Nikolaus Heiss: Altes Jagdzeughaus Kranichstei, 2013

Diesmal hat Nikolaus Heiss seine Fotos nicht selbst ausgewählt: aus hundert Anzügen haben Freunde 27 Motive der letzten drei Jahre ausgesucht, die nun thematisch gegliedert, in jedem Stockwerk des engen Turms ausgestellt sind. Wer die Stufen erklimmt, kann den Turm anschließend mit einem neuen Blick auf die Stadt verlassen.Zehn Jahre hat er als Architekt und neunundzwanzig Jahre als Denkmalpfleger gearbeitet. Seit 2010 ist Nikolaus Heiss Koordinator Mathildenhöhe und noch weit davon entfernt in den Ruhestand zu gehen. Wo doch jetzt Darmstadt mit der Mathildenhöhe auf die Tentativliste zum Weltkulturerbe gewählt wurde, gibt es für ihn und sein Team noch viel zu tun, bis sich Darmstadt 2019 in Paris präsentieren kann. So fehlt in der aktuellen Ausstellung natürlich nicht die Mathildenhöhe als Motiv – es ist aber in erster Linie der Übergang vom Jugendstil zum Bauhaus, den Heiss ins Bild bringt. Sein Blick auf das Ernst-Ludwig Haus setzt die geschwungene Seitenfassade des Gebäudes von Joseph Maria Olbrich in Szene, wie ein Monument der Moderne, schnörkelos und flächig. In die Motivgruppen Architektur, Technik und Stimmungen sind die Fotos unterteilt und verleugnen nicht den Blick des ehemaligen Denkmalpflegers. Mit der Häusergruppe aus Backstein im Zickzackstil hinter dem Hauptbahnhof und dem Hochschulbad ist es die Vorliebe für Bauten der zwanziger, dem überdachten, freien Gang hin zur Hochschule die für die sechziger Jahre in der Architektur. Inszeniert wie eine endlose Fluchtlinie, zieht dieser Flur den Betrachter ebenso ins Bild hinein wie das Foto der eigentlich nur 150 Meter langen Brücke am Dornheimer Weg. Der verwendete Weitwinkel lässt die Brücke endlos lang erscheinen, mit einer weit einladenden Geste der Brückenöffnung. Heiss erzeugt in seinen Fotos immer wieder eine Spannung zwischen den in die Tiefe gehenden Fluchtlinien der Architektur und den darüber schwebenden und meist alles regierenden dynamischen Wolkenformationen. Die graphische Qualität eines Bauwerks interessiert ihn und wie ein abstraktes Kunstwerk inszeniert er die Fassade der Hochschule Darmstadt. Kerzengrade steht das Darmstädter Schloss da, der über das Gebäude hinwegziehende Himmel verleiht die besondere Stimmung im Bild. „Wenn der Himmel nur grau ist, gehe ich gar nicht erst los zum Fotografieren.“ erzählt Nikolaus Heiss, der meist beim Fahrradfahren eine neue Sicht auf altbekannte Darmstädter Gebäude bekommt. Die Sonne steht gleißend am Himmel und wirft starke Schatten, als Heiss das ehemalige Jagdzeughaus in Kranichstein fotografiert. Durch den eingesetzten Rotfilter wirkt die Szenerie wie ein Nachtbild, geheimnisvoll, fast unheimlich. So, als hätten wir dies Gebäude noch nie zuvor gesehen.

Während der Ausstellungszeit ist ein von Nikolaus Heiss gestalteter Kalender für das kommende Jahr mit Fotos aus der Ausstellung zum Subskriptionspreis von 10,- € zu erhalten, danach wird er im Buchhandel für 12,90 € angeboten.

© Julia Reichelt, für das Darmstädter Echo, 15.07.2014

 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>