Der Duft der Dinge. Ein TanzPAARfum im Staatstheater Wiesbaden

Der Duft der Dinge, © Martin Kaufhold

Abschied auch im Staatstheater Wiesbaden: Der scheidende Ballettdirektor Stephan Thoss überlässt den ersten Part seiner letzten choreographischen Arbeit seinem Tänzer Guiseppe Spota. Für Thoss ist es die Gelegenheit, dem Wiesbadener Publikum zu zeigen, was es vielleicht schon bald vermissen wird, für Spota, sich erneut als begabter Choreograph zu präsentieren. Von Melancholie ist wenig zu spüren an diesem heiteren und träumerischen Abend über den Duft, der Erinnerungen auslöst und die Kraft der Fantasie feiert.

Was der Duft von Dingen bewirken kann, wissen wir spätestens seit Marcel Proust eine Madeleine in den Tee getunkt hat: die ganze Welt seiner Kindheit hat sich durch diesen Geruch wieder vor ihm aufgetan. Und uns die zehn Bände seines Hauptwerks „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ (1908-1922) beschert. Dieses Motiv bildet die Grundidee in Thoss letztem Ballettabend im Staatstheater Wiesbaden. Auch Tenald Zace (“Mann”) übermannen die Erinnerungen als er an einem roten Tuch riecht – und Thoss hat eine ideale Vorlage seine ganze Palette an Können zu zeigen. Auch diesmal ist er verantwortlich für Bühne und Kostüme, reduziert seine Reise in die Vergangenheit in ein märchenhaft-surreales Ambiente, das von der tänzerischen Ausdruckskraft seines Ensembles lebt. Wie so oft hat er ein Händchen für atmosphärisch ausdrucksstarke Musik unter der Leitung von Wolfgang Ott und dem Orchester des Staatstheater Wiesbaden. Die 1967 entstandene Carmen Suite des russischen Komponisten Rodion Shchedrin gibt mit ihren zwölf Parts Gelegenheit, die Erinnerungen zu orchestrieren. Mit ihren Melodien bezieht sie sich auf die Oper von Georges Bizet, ist aber mit Kuhglocken, Xylophon, Triangel, Bongos und anderen Percussionsinstrumenten vor allem eine stark rhythmische Adaptation des Opernklassikers. Romy Liebig führt als personifizierte Madeleine den “Mann” in seine Vergangenheit. Die ist vor allem mit Liebesgeschichten gefüllt, auch wenn mal eine Kolonne von Krankenschwestern oder eine Gruppe martialischer Tänzer über die Bühne tobt. Mit Sandra Huber erfährt er die erste sinnliche Liebe: barbusig suhlt sie sich mit ihm auf einem großen Tuch, während Sabine Groenendijk statt seiner ihre roten Schuhe vorzieht und ihn sitzen lässt. Spielerisch, freudig und ausgelassen sind die pas de deuxs, voller Nuancen und so unterschiedlich wie die Frauen, die der Mann trifft. Dramatisch dunkel das Duo mit Ayumi Sagawa, temperamentvoll und leidenschaftlich das mit Ludmila Komkova. Wieder sind sie stark, die Frauen, von Stephan Thoss. Dann zurrt sich alles auf Anfang zurück: nur weil Tenald Zace am Tuch gerochen hat, hat sich das ganze bunte Panoptikum entfaltet.

Auch bei Guisepppe Spota findet sich die Mischung aus humoristisch-surrealem Unterton. Dass er choreographieren kann, hat er schon mehrfach unter Beweis gestellt. 2011 nicht nur für seine Darstellung als Blaubart in “Blaubarts Geheimnis” den wichtigsten deutschen Theaterpreis DER FAUST gewonnen, sondern auch für sein Stück “Un/attainable” den zweiten Preis für Choreographie beim Internationalen Wettbewerb für Choreografen in Hannover gemacht. Im Ballettabend “Made in Love” war seine erste größere Arbeit “ABI/TIAMO” zu sehen, voller poetischer und assoziationsreicher Bilder.

Spota gestaltet den ersten Teil des Abends mit seiner Choreographie /TRE.

Noch bevor sich der Vorhang hebt, lässt er am Bühnenrand zwei weißgefrackte Gestalten (Valeria Lampadova und Frank Pedersen) schnuppern: Die eine an sich selbst, die andere scheint den Geruch des Publikums aufzusaugen. Später purzeln sie ungelenk übereinander, sich verknotend zum Csárdas von Vittorio Monti.

Eine surreale Szenerie entfaltet auch er, aus der Wand kommen Würfel, Stangen, eine Hand (Bühne und Kostüme ebenfalls Guiseppe Spota). Gérard Naziri bebildert das Geschehen auf der Bühne mit einer Videoprojektion, die sich zum Teil auch über die Tänzer legt. Wolken fliegen wie im Zeitraffer vorüber, raschelnde Blätter entfalten eine entrückte Szenerie, die gut zu der Minimalmusik von Steve Reich, Alexander Balanescu und Ezio Bosso passt. Auch in den Zuschauerraum schwenkt die Videokamera – für Spota ein Dank für die vier Jahre, die er im Staatstheater Wiesbaden verbracht hat. So schnell wie die Gedanken fliegen, so schnell entwickeln sich seine vielen Miniaturgeschichten tänzerisch auf der Bühne und spielen sich auf vielen Ebenen ab. Während Florian Teatiu am Boden kauert, bilden die anderen Tänzer einen Berg auf dem Sabine Groenendijk thront. Viele solcher ungewöhnlicher Momente gibt es, die danach verlangen, das ganze Geschehen noch einmal zu sehen, so dicht und komplex ist, was die Tänzer in gewohnter Bestleistung auf der Bühne entwickeln. Wie einen die Fantasie beflügelt, versinnbildlicht auch ein Origami-Kranich, den sich das Lampadova-Pedersen Gepann reicht: aus einem einzigen Stück Papier kann etwas so komplexes entstehen. Und fliegt einfach los.

© Julia Reichelt, für das Darmstädter Echo, 22. Februar 2014

Tre, © Martin Kaufhold

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