Letzter Ballettabend von Patrick Touzeau im Staatstheater Mainz “Dornröschen”

Dornröschen, Hiroko Asami und Compagnie, © Martina Pipprich

Mit seinem letzten abendfüllenden Ballett im Staatstheater Mainz bringt Patrick Touzeau seine Version von „Dornröschen“ auf die Bühne. Damit hat er nach „Schwanensee“ und „Cinderella“ nun alle Ballette von Tschaikowski einer Umdeutung unterzogen. Seine extreme Auslegung dieses Märchens vom Erwachsenwerden bleibt vor allem sein Gedankenspiel, auf der Bühne ist recht konventioneller Tanz auf Spitze zu sehen.

Von Spindel, Fluch und Feen ist nicht mehr viel übrig geblieben in dieser Dornröschen-Version. Stattdessen gibt es Demimonde und Bordell. Zu seiner Interpretation ist der scheidende Ballettdirektor in Mainz inspiriert worden durch die Lebensgeschichten von Billie Holiday und Edith Piaf, wie er im Programmheft schreibt. Beide sind bereits im Kindesalter mit der Welt der Prostitution in Berührung gekommen. Holiday ist im Alter von elf Jahren vergewaltigt worden, hat als später Prostituierte gearbeitet, Edith Piaf ist bei der Großmutter, die ein Bordell betrieb groß geworden und längere Zeit von einem Zuhälter ausgehalten worden. Flucht aus diesem unerträglichen Milieu gelang beiden durch den Gesang.

Von diesen traumatischen Biographien ist auf der Bühne nichts zu erspüren, stattdessen entwickelt sich dort ein Traum aus Rosa- und Pudertönen, angeregt von Edith Piafs Chanson „La vie en rose“. Auch Touzeaus Aurora ist ein Mädchen, das in einem Bordell groß wird. Mit 18 Jahren dem ersten Freier zugeführt, fällt sie direkt ins Koma, bis Désiré sie wach küsst. Die Szene ist kein plüschiges Stundenhotel, sondern eine einfache Hausfassade mit Treppe in der Mitte. Auf dieser Treppe wird munter auf und ab gegangen, sie ist schließlich das Symbol für sexuelle Erlebnisse. Nur Aurora weigert sich, sie hoch zulaufen.

Touzeau entkleidet das Märchen von Perrault und den Gebrüdern Grimm im wahrsten Sinne des Wortes: in weiten Teilen des Stücks tanzt das Ensemble in Unterwäsche. Wie schon bei „Schwanensee“ (2012) hat die italienische Modedesignerin Sofia Crociani die Kostüme entworfen, eine Menge Kleider sind dabei, aber in erster Linie ist eine neue Dessous- Kollektion entstanden. Fantasie-Höschen, die im Laufe des Abends immer knapper werden. Wie auf einer Modenschau defilieren die Tänzerinnen und Tänzer, Glamour versprechen einige Kleider in der Ball-Szene, während die Männer lange Liebestöter tragen die wirken wie Schiesser-Feinripp.

Diese Demimonde hat keinen Plüsch, sondern kommt unterkühlt daher. In ausgefeilter Lichtregie mal stark von der Seite, mal als einzelner Lichtkegel kommt die tänzerische Leistung voll zu Geltung. Christian Bauch (Monsieur) manieriert mit extrem ausladenden überstreckten Bewegungen, stark in seinen Duos mit dem tänzerisch dynamisch-präsentem Marc Borràs. Christina Ayllón Panavera als kühle Madame, die Aurora erbarmungslos dem ersten Freier zuschiebt. Hiroko Asami ist von Anfang an eine stolze, unbeugsame Aurora. Ihr Leiden wird als monumentales Video angedeutet, das übergroß ihr Gesicht zeigt. Sie hat die meisten Solos, doch irgendwann sind ihre technisch perfekten Pirouetten auch nicht mehr spannend. Im zweiten Akt träumt sie sich ihre Fantasiewelt atmosphärisch schön wie ein idyllisches Arkadien. Ihr Duo mit dem kraftvoll-anmutigen Guillaume Hulot (Désiré) greift bereits das glückliche Ende vorweg, als er sie hundert Jahre später tatsächlich wachküsst und erlöst.

Florian Csizmadia, erster Kapellmeister im Staatstheater Mainz, dirigiert die 1890 im Sankt Petersburger Mariinsky Theater uraufgeführte Musik von Tschaikowski und hält sich, im Gegensatz von Touzeau an die originale Vorlage. Der Musik ist zu verdanken, dass der Abend zu seiner Länge von dreieinhalb Stunden inklusive zweier Pausen kurzweilig bleibt, auch wenn die musikalische Vielfalt eine Entsprechung auf der Bühne vermissen lässt.

© Julia Reichelt, für das Darmstädter Echo, 10.2.2014

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