Herrenclub Moderne – Warum die Kunstgeschichte umgeschrieben werden muss, Vortrag von Julia Voss im Kunstarchiv Darmstadt

Lotte Laserstein (1898-1993)  In meinem Atelier, 1928  Öl auf Holz, 46 x 73 cm, Privatbesitz  Foto: © Anna-Carola Krausse, Berlin

Der Vortragsort kann nicht besser sein: inmitten der Ausstellung „Der Weibliche Blick“ (noch bis 28.2.2014)  der 35 vergessene und verschollene Künstlerinnen aus Darmstadt und der Region vorstellt. Dass das Thema „Herrenclub Modern. Warum die Kunstgeschichte umgeschrieben werden muss“der FAZ-Redakteurin nicht nur Frauen interessiert, zeigen im völlig überfüllten Kunstarchiv die mindestens zu einem Drittel vertretenen Anzahl Männer, darunter auch Manfred Großkinsky, der gemeinsam mit Susanne Wartenberg die im Museum Giersch gerade zu Ende gegangene Ausstellung „Künstlerin sein!“ mit Werken von Ottilie W. Roederstein, Emy Roeder und Maria von Heider-Schweinitz verantwortet hat. Vor zwei Monaten hat die Journalistin und Wirtschaftshistorikerin Julia Voss im Kennedyhaus in Darmstadt den Luise-Büchner-Preis für Publizistik entgegengenommen. Immer wieder macht sie sich auf die Suche nach im offiziellen Kunstbetrieb vergessenen Künstlerinnen, die sie als Leiterin des Kunstressorts der Frankfurter Allgemeinen Zeitung publik macht. Am Donnerstag kehrt sie an den Ort der Preisverleihung zurück und bekräftigt ihre These „Warum die Kunstgeschichte umgeschrieben werden muss“.

Welche Schwierigkeiten auftreten, um selbst bereits etablierten Künstlerinnen eine öffentliche Plattform zu geben belegt Julia Voss mit der erfolgreichen Ausstellung „Die andere Seite des Mondes“ . Vor zwei Jahren war die Schau in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen zu sehen, mit dem Fokus auf acht Künstlerinnen, die maßgeblich an den ästhetischen Neuerungen der Avantgarde in Europa beteiligt waren. Für diese Ausstellung ließ sich kein Sponsor finden.

Im Gegenzug wurde die große Kandinsky-Retrospektive von eon so großzügig gefördert „als habe er selbst die Glühbirne erfunden“. A propos Kandinsky – dass er mitnichten der Erste war, der in der Malerei zur Abstraktion gefunden hat, belegt sie anschaulich mit Bildern der schwedischen Künstlerin Hilma af Klint (1862-1944). Sie war eine der ersten Frauen, die 1882 an der Königlichen Akademie der freien Künste in Stockholm studierten. Bereits 1907, fünf Jahre vor Kandinsky, malt sie großformatige, abstrakte Bilder. Beeinflusst vom Kontakt mit der Theosophie und den Schriften der Gründerin Helena Blavatsky – die ebenso von Kandinsky gelesen wurde und für ihn inspirierend war. Dass Hilma af Klint von der bislang umfassendsten Ausstellung zum Thema Abstraktion in der Kunst im New Yorker MoMA komplett verschwiegen wurde, zeigt bereits die der Titel genannte Zeitspanne: „Inventing Abstraction, 1910-1925“.

Doch Frauen ist es trotzdem immer schon gelungen, in den „Herrenclub Moderne“ einzudringen. Erstaunlichstes Beispiel ist die ungarisch-amerikanische Porträtmalerin Elizabeth Vilma Parlaghy, die 1893 den Kaiser Wilhelm II. malte, obschon dieser ganz entschieden dagegen war, dass Frauen zu Künstlerinnen wurden. Sie hatte Erfolg, weil sie gefördert wurde – das ist das wichtige Fazit von Julia Voss. Dass nur ein einziger Förderer eine ganze Erfolgslawine auslösen kann, zeigt auch ganz aktuell der Fall der Malerin Lotte Laserstein (1898–1993). Sie gehörte wie Hilma af Klint zu den ersten Frauen, die an einer Kunstakademie studierten. Noch bis 23. Februar sind Werke von ihr in der von Julia Voss und Eva Atlan kuratierten Ausstellung „1938. Kunst, Künstler, Politik“ im Jüdischen Museum in Frankfurt zu sehen. Der Umgang mit ihrem Werk ist für Voss ein Paradebeispiel, wie der „Herrenclub Moderne“ in eine Gesellschaft umgewandelt werden kann, in der Künstlerinnen nicht nur eine „Insel, in einem Meer von Männern“ bilden. Als der neue Leiter der Nationalgalerie in Berlin, Philipp Demandt, Lasersteins monumentales Gemälde „Abend über Potsdam“ (1930) für die Sammlung ankauft, schnellen sofort die Preise für ihre Werke in die Höhe, gibt es internationale Nachfrage nach ihrem Schaffen. Ein einziges Museum kann diesen wichtigen Kreislauf in Gang setzten. Denn Künstlerinnen auszustellen allein genügt nicht – sie müssen auch in den Katalogen erscheinen und am wichtigsten: in die ständigen Sammlungen der großen Museen kommen. Nur so kann die Kunstgeschichte umgeschrieben werden, bleibt der ihnen gebührende Platz dauerhaft erhalten, „sonst sind es nur kurzzeitige Blüten, die schnell wieder vorbei sind“ resümiert Julia Voss.

© Julia Reichelt, für das Darmstädter Echo, 8.2.2014

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