Gisela Velte, dark lady´s art

Gisela Velte, Nach Entwürfen der 20er Jahre, Scherenschnitt, 2013, Bildrechte Künstlerin

Die Galerie Lattemann zeigt Arbeiten der in Darmstadt lebenden Künstlerin Gisela Velte. Allerdings nicht wegen ihrer schwarzen Scherenschnitte, sondern aufgrund ihres schwarzen Lackledermantels wurde sie einmal von dem Theaterkritiker Georg Hensel „dark lady“ genannt. Eine Übersicht mit rund sechzig Arbeiten von 1990 bis heute ist noch bis 23. Februar in den Galerieräumen in Trautheim zu sehen.

Aus einem einzigen Stück Papier entstehen die filigranen, zarten Scherenschnitte von Gisela Velte. Nichts wird später hinzugefügt oder ist aus mehreren Teilen gestückelt. Hauchzarte schwarze Gebilde, die graphisch um so mächtiger auf dem Hintergrund des groben Japanpapieres wirken.

Gisela Velte entstammt einer musischen Familie Trautheims. Großvater und Vater waren Denkmalpfleger, sie selbst wurde Kirchenrestauratorin und hat 1974 bis 1976 unter anderem den Innenraum der Russischen Kapelle wieder hergerichtet. Als sie ihren Beruf aus gesundheitlichen Gründen aufgibt, beginnt das Interesse für die Kunst des Scherenschnitts. Velte beherrscht selbst ein Miniformat von zehn mal zehn Zentimetern. Dieser der Platz genügt ihr, um eine märchenhafte Szene mit Mann und Hund darzustellen. Auf einem Ast hat eine ganze Schar Vögel Platz genommen, jeder einzelne von ihnen ist mit seinem Gefieder erkennbar. Aus dem Jahr 1990 ist diese frühe Arbeit, einer Zeit, als sie mit dem Scherenschnitt begann. Im Laufe der Jahre wird sie freier im Motiv und auch großflächiger – ihr größter Schattenriss ist 49 mal 35 Zentimeter groß.

1995 entstehen die noch ganz gegenständlichen, wie beim klassischen Scherenschnitt im Profil gezeigten „Stummen Diener“. Die frontalen „Figurinen zu Julius Cäser“ (2008) hingegen sind schon deutlich stilisierter. Veltes Bruder ist Opernregisseur, dem sie inspiriert von seinen Inszenierungen zu den jeweiligen Premieren eine Mappe mit Scherenschnitten schickt.

Ihre ornamentalen Formen lassen oft erst auf den zweiten Blick das Figürliche erkennen. So ist in einem Blattgeränke, dass an Efeu erinnert erst bei genauem Hinsehen eigentlich eine Gruppe stilisierter Elefanten zu sehen. Vieldeutig sind zwei über Kopf gedrehte Papageienköpfe, die erst wie ein spiegelungsgleiches Muster wirken. Gisela Velte nutzt Symmetrien, die vielleicht von der Zeit her rühren, als sie in einer frühen künstlerischen Phase Jugendstil-Motive aus Büchern in eine Schwarz-Weisse Form übertragen hat. Eine Vorliebe hat sie für skurile Mischwesen, die halb Ornament, halb Figur sind. Manche wirken wie Gnome, die ein Menuett zu tanzen scheinen. Graphische Muster scheinen aus einem Rohrschachtest entstanden zu sein.

Erst entsteht eine Zeichnung auf hellem Karton mit schwarzem Edding, bei größeren Kompositionen nimmt sie ein Fotokopiergerät zu Hilfe. Dann schneidet Velte, technisch virtuos mit feinen Japan-Scheren, auch filigrane Weißflächen oder zarte Spitzen aus dem Papier.

Unabhängig vom Motiv, bringt sie Bewegung hinein in ihre schwarzen kleinen Meisterwerke. Nach Entwürfen der zwanziger Jahre sind im letzten Jahr Scherenschnitte entstanden, die einzelne modische Figurinen in den Vordergrund rücken. Elegante Damen des Art Deco in schwungvollen Kleidern, wie von Modeschöpfern gezeichnet. Die einzelnen Falten eines gestuften Plisseekleides sind erkennbar, samt einem scheinbar im Wind flatternden Band.

Mit voluminösem Muff und Pelzkragen, die sich fast plastisch aus der Arbeit herausheben, erscheint eine modische Dame. Eine Hutfeder gibt der Figur den letzten Schwung. Und wirkt wie eine Veranschaulichung der Lehre von der dynamischen Linie eines Jugendstilkünstlers wie Henry van de Velde.

© Julia Reichelt, für das Darmstädter Echo, 1.2.2014

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