„Ich würde gerne so viele Dinge tun – aber mit was soll ich zuerst anfangen?“ Porträt des Tänzers Christopher Basile

 

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Die zweite Spielzeit ist der Kanada-Italiener Christopher Basile im Tanztheater-Ensemble des Staatstheaters Darmstadt. Zur Zeit ist er der französische Komponist Débussy in „Camille“ und in mehreren Rollen in „7 Tage“ zu sehen. In der Abschieds-Choreographie von Mei Hong Lin „Bernarda“ wird er die Titelrolle sein. Der 1,90 Meter große Tänzer fällt nicht nur wegen seiner Größe auf, sondern vor allem wegen seines Talents zur Komik. Am witzigsten ist er in seinen eigenen Choreographien. Beim letzten „Rendez-vous Hier wird getanzt“ war davon ein Einblick zu bekommen. Im April wird es eine Wiederholung des Abends im Ballettsaal geben.

„Was für ein Tag!“ begrüßt er mich, als wir uns für das Porträt im Café treffen. Bei der Probe zu „Blind Date“ mit der das Darmstädter Tanztheater für drei Vorstellungen in Mailand auftreten wird, hat er seiner Kollegin Ana Sánchez Martínez die Nase gebrochen. Nicht zum ersten Mal ist ihm das passiert, erzählt er betroffen, das andere Mal hat es eine Solistin in Gießen erwischt, wo er vor Darmstadt engagiert war. Auch, dass es gerade Ana getroffen hat, betrübt ihn – mit ihr zusammen ist er viel auf der Bühne zu sehen, mit ihr hat er seine Choreographie entwickelt.

Da in der letzten Spielzeit beide nicht in „Romeo und Julia“ eingebunden waren, hatte Basile Zeit, eigene tänzerische Projekte zu kreiieren und im Ballettsaal vor Publikum zu zeigen. Zum Duo mit Ana Sánchez Martínez hat er sich zwei Tage vor der Vorstellung entschlossen: Ein affektiertes Pärchen trifft sich zum Blind Date. Alles könnte so schön und romantisch sein wie die Hintergrundmusik. Aber als sie am Tisch sitzen, eskaliert die Situation: sie stellen sie fest, dass sie exakt das Gleiche anhaben. Was dann passiert karikiert typische Paar-Situationen: Wenn er redet, hört sie nicht zu, wenn sie redet, wird gegähnt, ihr Rotweinglas bis zum Rand gefüllt, er schließlich mit Rotwein überschüttet. Die Spielchen werden immer wilder und exzessiver, das Publikum kann sich vor Lachen nicht mehr halten. „Es passiert einfach, dass etwas Komisches herauskommt“. In seinem Solo „Beautiful things“erzählt Basile die Geschichte des Tanzes rückwärts nach: von Hip Hop über die Tänze der zwanziger Jahre, um schließlich bei Afro-Dance zu landen. Alles in irrwitzigem Tempo und in einer Person. Auf der Bühne werden Kostüme und Frisuren gewechselt, mit dem Po Klavier gespielt. Dass er mit 38° Fieber schlotternd in Decken gehüllt hinter der Bühne auf seinen Auftritt gewartet hat, ist dabei niemandem aufgefallen.

Mei Hong Lin sieht ihn vor allem als „verrückte Frau“, erzählt er und rührt in seinem Latte macchiato. So hat sie ihn zum ersten Mal in dem Travestiestück „La cage aux Folles“ auf der Bühne gesehen, so inszeniert sie ihn in „Tödlicher Genuß“: Als dritte Version der kranken Ehefrau mit langem Rock, schwarzer Korsage, roten Lippen und offenem Haar. „Aber ich bin ein Mann“ erklärt Basile lachend. Dass er nicht auf Frauen-Rollen festgelegt werden will, hat er während seines Engagements in Gießen gezeigt. Dort hat er die Titelrolle in „Macbeth“ getanzt: archaisch, brutal und stark. In dieser Rolle haben ihn zwei Tänzer aus Darmstadt gesehen und ihrer Tanztheater-Chefin begeistert davon erzählt. So kam es zu Vortanzen und Vertrag in Darmstadt. In der Choreographie „7 Tage“ nach dem surrealistischen Collageroman von Max Ernst, ist er passend zu seiner blonden Lockenpracht der Löwe von Belfort und tanzt mit Ana Sánchez Martínez ein verrücktes Vogelpärchen. Er will seine Vogelfrau mit allen Mitteln zum Brüten kriegen und wirft ihr die absurdesten Dinge ins Nest: einen Kaktus, einen Schuh, eine Kuckucksuhr, doch nichts passiert. In „Camille“ ist er in der einzigen ruhigen Szene des Abends zu sehen: als Débussy, der mit Camille Claudel einen Walzer tanzt. Seine letzte Rolle in Darmstadt wird die Hauptrolle in „Bernarda“ sein. Mit diesem Stück hat sich Mei Hong Lin vor zehn Jahren dem Darmstädter Publikum vorgestellt, mit der Reprise verabschiedet sie sich. Und wie damals wird die Hauptrolle mit einem Mann besetzt. Christopher Basile tanzt die Witwe Bernarda, die ihre Töchter im Haus einsperrt, damit sie keine Kontakte zu Männern haben und das Drama seinen Lauf nehmen kann.

Basile hätte auch mit Lin nach Linz gehen können, aber ob der 25jährige nach Darmstadt wieder ein festes Engagement eingehen will, weiß er noch nicht. „Ich habe so viele Hobbies“ stöhnt er. Er liebt Mode und Mode-Design, Innenraumgestaltung. Ist ständig kreativ, näht, strickt und gestaltet Möbel, wenn er nicht gerade im Theater ist. Für die Premiere von „Camille“ hat er sich einen braunen Einteiler aus Cord genäht, das eine Bein längs, das andere quer gestreift. Und das passt wiederum zu seinem anderen Tun: So wie er näht, choreographiert er auch: schräg, überraschend und komisch. Zur Zeit ist sein größtes Problem die Entscheidungsfindung „Ich würde gerne so viele Dinge tun – aber mit was soll ich zuerst anfangen?“

BOX

Christopher Basile ist 1988 in im italienischen Pescara geboren, mit kanadischer Staatsbürgerschaft. Er hat aber auch flämische Wurzeln: Seine Großmutter ist Belgierin, daher die hellen Haare und Augen, die für einen Italiener ungewöhnliche Größe von 1,90 Meter. Mit 14 Jahren beginnt er zu tanzen, studiert aber auf Wunsch der Eltern in Rom. Ein Fach, dass er sich aussucht: Chinesisch. 2008 bekommt er von der Alvin Ailey Dance School in New York ein Stipendium und wird von dort aus direkt nach Stuttgart engagiert. Von 2010 bis 2012 ist er Solist im Stadttheater Gießen, seit der Spielzeit 2012 ist er als Solist im Staatstheater Darmstadt engagiert.

Copyright Julia Reichelt, für das Darmstädter Echo

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