Hermione von Preuschen – eine der Künstlerinnen der Ausstellung im Kunstarchiv “Der Weibliche Blick”

Hermione von Preuschen, Traumgott, © Moritsburg

Bereits während der Schulzeit erhielt die künstlerisch begabte Hermione von Preuschen Malunterricht bei dem Frankfurter Maler Christian Morgenstern. Der Zugang zur Kunstakademie war ihr als Frau jedoch versperrt. Lesen Sie hier den Katalogtext von Dr. Stephanie Hauschild

Preuschen studierte stattdessen Malerei an der Malschule von Ferdinand Keller (1842-1922) in Karlsruhe. Malschulen existierten unabhängig von den staatlichen Kunstschulen und Akademien und wurden zumeist privat betrieben. Die Ausbildung war häufig sehr gut und eröffnete interessierten Laien einen Zugang zur Malerei, diente Männern als Vorqualifikation für den Zugang zur Kunstakademie und ermöglichte angehenden Künstlerinnen eine anständige Ausbildung. Den Betreibern boten sie eine zusätzliche Existenzabsicherung und ein regelmäßiges Zusatzeinkommen, denn der Besuch der Malschule war kostspielig. Preuschens Eltern ermöglichten ihrer Tochter ein insgesamt dreijähriges Studium.

Keller war zu seinen Lebzeiten ein geschätzter und bekannter Maler von großformatigen Figurenbildern, Porträts und Stillleben. Preuschen bezeichnete ihn in ihrer posthum erschienenen Autobiografie treffend als „koloristisches neues Genie dekorativer Richtung“. Über Kellers Arbeit als Lehrer wissen wir jedoch kaum etwas. Auch wenn Preuschen sich in einer Rede über die mangelhafte Ausbildung von Frauen in den Malschulen beklagt hat, über ihren eigenen Lehrer hat sie sich nicht negativ geäußert. Seine ehrgeizige Schülerin ließ er hauptsächlich Stillleben malen. Doch lernte Preuschen in Kellers Atelier wohl auch die Grundlagen der Figuren- und Aktdarstellung, perspektivisches Zeichnen und den Umgang mit großen Formaten, das legen zumindest ihre späteren Arbeiten nahe. Von Keller übernahm Preuschen die leuchtende an italienischen und niederländischen Meistern angelehnte Farbigkeit und die dramatische Lichtführung.

Nach Beendigung der Ausbildung eröffnete Preuschen in München ihr erstes eigenes Atelier. Ihre Blumenbilder verkauften sich gut. Zahlreiche Studienreisen führten sie nach Rom, Paris und Sizilien.1882 heiratete sie den Münchener Arzt Oswald Schmidt mit dem sie zunächst in Italien, später in München und ab 1886 in Berlin lebte. Dort gewann sie über die Kronprinzessin und spätere Kaiserin Victoria Zugang zum Hof. Von 1878 bis 1898 war sie Mitglied im Verein der Berliner Künstlerinnen, an dessen Ausstellungen sie teilnahm.

Die Ehe mit Schmidt war trotz der beiden gemeinsamen Kinder unglücklich und wurde 1889 geschieden. 1891 heiratete Preuschen den Dichter Konrad Zitelmann ( Pseudonym Telmann), mit dem sie ebenfalls zwei Kinder hatte. Als Telmann 1897 starb, zog Preuschen von Italien zurück nach Berlin. 1908 kaufte sie in Lichtenrade eine Villa, der sie den Namen „Tempio Hermione“ gab. Dort veranstaltete sie Feste, Ausstellungen und Lesungen. Rainer Maria Rilke schrieb 1896 in einer Rezension, dass sich bei Preuschen „Dichtkunst und Malerei schwesterlich vertrügen. Sie male ihre herrlichen Gedichte und dichte in farbensatten Allegorien auf die Leinwand“. Nach wie vor verbrachte Preuschen den größten Teil ihres Lebens auf Reisen nach Asien oder nach Afrika. In den letzten Lebensjahren widmete sie sich hauptsächlich der Schriftstellerei.

1887 machte der Skandal um ihr Bild „Mors Imperator“ Hermione von Preuschen über die Grenzen Berlins hinaus berühmt. Das Bild, das den Tod als König der Könige darstellte, wurde von der königlichen Akademie der Künste wegen angeblicher Majestätsbeleidigung nicht zugelassen. Deshalb initiierte Preuschen eine eigene publikums- und pressewirksame Ausstellung. Sie mietete ein Ladenlokal und stellte das Bild gegen Eintritt zur Schau. Die Ausstellung war finanziell überaus erfolgreich. Das Bild verkaufte sie später relativ billig an einen Geschäftsmann, der es bald weiter veräußerte. „Mors Imperator“ galt lange als verschollen, tauchte aber vor einigen Jahren im Kunsthandel wieder auf, der jetzige Verbleib ist nicht bekannt.

Ein Skandalbild zu produzieren war im 19. Jahrhundert eine erfolgversprechende Strategie, um sich am hart umkämpften Kunstmarkt zu behaupten. Auch das Anmieten von Räumen zur privaten Ausstellung war eine in dieser Zeit verbreitete Alternative, um die restriktiven Auswahlkriterien für die offiziellen Ausstellungen zu umgehen. So hatten etwa die Impressionisten in Paris auf diese Weise nachdrücklich auf sich aufmerksam gemacht. Preuschen suchte mit ihren Bildern ganz gezielt die Öffentlichkeit. Ihr Name war regelmäßig in der Presse zu lesen. Sie nutzte jede Möglichkeit, ihre Bilder auf Ausstellungen im In- und Ausland zu zeigen. Auf dem Grundstück in Lichtenrade baute sie sich eine Ausstellungshalle, in der sie ihre Bilder präsentieren konnte. Für ihre „Hermione von Preuschen Ausstellungen“ warb sie mit Bildpostkarten, auf denen sie selbst mit ihren Bildern zu sehen ist. Vor ihrem riesigen, prächtig gerahmten Bild „Vampyr Sehnsucht“ etwa ließ sie sich im Abendkleid fotografieren. Die Karte ist signiert, für ihre Verehrer hatte sie noch ein kleines Gedicht hinzugefügt:„Stolzes Schicksal, trägst den Wurm im Herzen, jeder Schritt empor – durch tausend Schmerzen, jeder Blick ins Licht – von Nacht umdroht, und ein großes Glück – bezahlt mit Tod“Hermione von Preuschen, Traumgott, © Moritsburg

Über das weitere Schicksal von „Vampyr Sehnsucht“ ist nichts bekannt, wie überhaupt von ihren anspruchsvollen großen Kompositionen mit Titeln wie „Regina vitae“, „Lebenssphinx“, „Leda“ oder „Moloch Liebe“ kein Bild mehr lokalisiert werden kann. Eine Ausnahme ist das Bild „Irene von Spillimsberg (Beerdigungsgondel)“, Preuschens Hommage an die Malerin, Dichterin und letzte Geliebte Tizians, das im La Cour d’Or, Musées de Metz aufbewahrt wird.

Die skandalumwitterte Hermione von Preuschen konnte sich ausgezeichnet vermarkten. Sie erkämpfte sich für die damalige Zeit beachtliche Freiräume. Ihr Leben gestaltete sie wie einen Roman, die Einnahmen aus dem Verkauf von Bildern und Büchern ermöglichten ihr ein freies und unabhängiges Leben. Ganz selbstverständlich machte sie Studien in den Museen und Antikensälen und mietete sich Aktmodelle für ihre Arbeit. Preuschen war durchsetzungsfähig und stark genug, um sich gegen Neid und Missgunst zu behaupten. Als Malerin hatte sie wie alle Künstlerinnen mit den vielen Vorurteilen gegenüber den „Malweibchen“ zu kämpfen. Mit dem Stillleben und der Konzentration auf Blumenbilder hatte sie ein Fach gewählt, dass als typisch weibliche Domäne gerade noch geduldet wurde. Das „Blumenstillleben“ und das „Stillleben mit Schmuckdose und Pfauenfeder“ aus der städtischen Kunstsammlung Darmstadt sind Beispiele für diese bewusst dekorativ angelegten Arbeiten, die um die Jahrhundertwende sehr begehrt waren und mit denen sie vermutlich einen großen Teil ihres Geldes verdiente.

Doch begnügte Preuschen sich nicht mit der rein dekorativen Blumenmalerei. Sie selber begriff sich in ihrer Autobiografie als die Erfinderin des „Historischen Stilllebens“, einer Spielart, die Elemente des klassischen Stilllebens mit der Historienmalerei verband. Traditionell galt die Historienmalerei in der Kunsttheorie des 19. Jahrhunderts als die anspruchsvollste und angesehenste Gattung der Malerei, während Stillleben eher gering geschätzt wurden. Nicht zufällig fanden viele Frauen in diesem vermeintlich anspruchslosen Bereich ihre künstlerische Nische. Mit Bildern wie „Kleopatras Lager“ und „Evoe Bacche“ wollte Preuschen dem Stillleben einen neue Bedeutung geben und die dekorativen Aspekte zugunsten der Erzählung hervorheben. Schaut man aber einmal genauer hin, wird deutlich, dass Preuschen mit den historischen Stillleben jedoch jahrhundertealte Themen und Motive nur variierte. So erzählen die allermeisten Stillleben von den Menschen, die sie einst benutzt haben, von ihren Vorlieben und Sehnsüchten und immer wieder von der Vergänglichkeit und Tod und der Pracht und Schönheit der Gegenwart, Motive die auch Preuschens Bilder immer wieder aufgreifen. Das in der Moritzburg (Halle) aufbewahrte Bild „Traumgott“, das bereits 1898 von der Künstlerin angekauft wurde, ist bislang das einzige bekannte Bild, das in die Kategorie „Historisches Stillleben“ eingeordnet werden kann. Umgeben von einem Kranz weißer und roter Mohnblüten und Dahlien erscheint auf einer Stele der Kopf des Hypnos, des griechischen Gottes der Träume. Passend dazu symbolisieren die Blüten des Schlafmohns den narkotischen Rausch und halluzinatorische Träume. Die vergänglichen bunten Blüten lassen zudem an Vergänglichkeit und Kürze des Lebens denken und erinnern daran, dass Hypnos wird in den griechischen Mythen auch als Bruder des Todes bezeichnet wird.

Eine ganz andere Möglichkeit Stillleben zu malen, hatten zur gleichen Zeit die französischen Impressionisten entwickelt. Sie befreiten ihre Stillleben von allen Erzählversatzstücken wie sie Preuschen bevorzugte. Edouard Manet etwa malte Spargel und Zitronen, die tatsächlich nicht mehr sein sollten als Gemüse und Obst auf einem Tisch. Die symbolische Bedeutung der Früchte, der Vergänglichkeitsaspekt, spielt auf diesen Bildern keine Rolle. Im Vergleich mit den französischen Zeitgenossen wird deutlich, dass von Preuschens Kunst sich an ganz anderen Vorbildern ausrichtete. Die Malerin orientierte sich an den Arbeiten ihres Lehrers Ferdinand Keller und den Werken anderer etablierter Historienmaler ihrer Zeit. Sie war mit Anselm Feuerbach bekannt, mit Carl Lessing und Anton von Werner. Die französischen Impressionisten oder Max Liebermann, Paul Cezanne und Vincent Van Gogh, die in der Kunstwelt der Zeit bereits ernsthaft diskutiert wurden, werden in ihrer Autobiografie hingegen nicht genannt. Die dunkel leuchtenden Farben ihrer Kompositionen, die Pfauenfedern, Schatzkästchen oder antiken Büsten haben direkte Vorbilder in der sogenannten „Salonmalerei“, deren Bilder beim Publikum auch gegen Ende des Jahrhunderts sehr begehrt waren, obwohl sie von neuen Kunststömungen bereits überholt wurden. Preuschen bediente damit den Geschmack ihrer konservativen Kunden, die mit der neuen Malerei nur wenig anfangen konnten.

Die Malerei des Symbolismus war eine weitere Inspiration für die Künstlerin. Preuschen schuf eine geschlossene Werkgruppe mit symbolistischen Bildern, zu denen etwa „Vampyr Sehnsucht“ gehört. Seit den 1870er Jahren trat der Symbolismus als ein gesamteuropäisches Phänomen hervor. Mit einer neuen Spiritualität reagierte er auf den Materialismus der Gründerzeit. Wesentlich weniger erforscht und präsent als der fast gleichzeitige Impressionismus, bewahren die mythologisch-märchenhaften Bildwelten des Symbolismus bis heute die Aura des geheimnisvoll Unergründlichen. Dem Symbolismus als Geisteshaltung war Preuschen ihr ganzes künstlerisches Leben in ihren Bildern und Büchern verbunden.

Doch als symbolistische Künstlerin ist Hermione von Preuschen erst noch zu entdecken, wie überhaupt ihr malerisches Werk bisher kaum erforscht ist. Eine zusammenhängende Lebensgeschichte der Künstlerin und ein Werkverzeichnis liegen nicht vor. Ihre Bilder sind verstreut, nur wenige Arbeiten werden in Museen aufbewahrt, sind dort aber nicht ausgestellt. Der größte Teil von Preuschens umfangreichen Werk dürfte sich in Privatbesitz befinden, wie etwa die das „Stillleben mit Siberdistel“, das Trompe l’oeil-Stillleben mit Landschaftsdarstellung „Faraglioni“ und das „Orchideentor“ in der Daulton-Ho Collection in Kalifornien. Preuschens Stillleben werden im internationalen Kunsthandel regelmäßig angeboten, die großen symbolistischen Figurenbilder sind aber wohl verloren. Acht Landschaftsgemälde und viele Fotografien werden im Archiv zur Geschichte von Tempelhof und Schöneberg gehütet, ein weiterer Teil ihres Nachlasses befindet sich im Archiv des Vereins Berliner Künstlerinnen. Preuschens Villa, der „Tempio Hermione“ wurde 1996 abgerissen. 2009 wurde der Hohenzollernplatz in Berlin-Lichtenrade nach ihr benannt. Eine allererste Ausstellung zu Leben und Werk der Künstlerin eröffnet am 5. September 2013 in der kommunalen Galerie im Tempelhof-Museum in Berli

Literatur und links:

Eberhardt, Muriel, Hermione von Preuschen (1852-1918). Eine Künstlerin der Jahrhundertwende, in: Zeitschrift für Museum und Bildung 63, 2005, S. 8 – 27

Hartrott, Muriel von, Eintrag „Preuschen“ in: Walter Killy (Hg.), Literaturlexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache, Gütersloh/München 2010, Bd 9, S. 329-331

Preuschen, Hermione von, Der Roman meines Lebens, Leipzig 1926

Rink, Felicitas, Der Verein der Künstlerinnen und Kunstfreundinnen zu Berlin 1867-1914, in: Victoria von Preußen 1840-1901 in Berlin 2001, hg. Von Karoline Müller und Friedrich Rothe, Berlin 2001, S. 366-407

Schmidt, Agnes – Elke Hausberg, Kinder, Küche, Kunst. Frauen auf der Mathildenhöhe, Darmstadt 2007

www.frauenkunst.com

http://www.museum-digital.de

http://www.lichtenrade-berlin.de/webfotoalbum/Hermione_von_Preuschen/index.html

http://ngiyaw-ebooks.org/ngiyaw/author/preuschen.htm

 

Abbildungen (Vorschläge)

Traumgott, Öl/Leinwand, 134 x 113 cm, 1894, Halle, Stiftung Moritzburg – Kunstmuseum des Landes

Bildpostkarte, Hermione von Preuschen-Ausstellung mit Widmung und Unterschrift, o.J, 9,3 x 14,4 cm, Privatsammlung Darmstadt

Mors Imperator, 1887, Öl/Leinwand 258 x 138 cm,Verbleib unbekannt (SW-Abb. In: Victoria von Preußen 1840-1901 in Berlin 2001, hg. Von Karoline Müller und Friedrich Rothe, Berlin 2001, S. 401)

Blumenstillleben, n.d., Öl/Leinwand, 57 x 35 cm. Städtische Kunstsammlung Darmstadt

Stillleben mit Schmuckdose und Pfauenfeder, 1878, Öl/Leinwand, 82 x 36 cm, Städtische Kunstsammlung Darmstadt

Stillleben mit Silberdistel an einer Holztür, ca. 1885, Öl/Holz, 44,8 x 34,2 cm, The Daulton-Ho Collection, Los Altos Hills, California, Foto: Don Tuttle

Faraglioni, in Zusammenarbet mit Karl Lorenz Rettich, 1889, Öl/Papier, Durchmesser 40 cm, The Daulton-Ho Collection, Los Altos Hills, California, Foto: Don Tuttle

Das Orchideentor des Tempels Pra Khan in Angkor, ca. 1907, ÖL/Pappe, 74 x 32 cm, The Daulton-Ho Collection, Los Altos Hills, California, Foto: Don Tuttle

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