Das belgische Tanzkollektiv Peeping Tom kooperiert bis 2018 mit dem Theater im Pfalzbau Ludwigshafen

Peeping Tom: A louer, Bildrechte Herman Sorgeloos

Eine Statue wird lebendig und stürzt meterhoch auf die Bühne, Menschen verschwinden in Plüschmöbeln, krabbeln auf allen vieren herum oder bewegen sich an den Grenzen physischer Belastbarkeit. Die international renommierte Tanzkompanie Peeping Tom mischt Oper, Schauspiel und Tanz, um überraschende und eindringliche Geschichten zu erzählen. Am 26. und 27. November waren sie mit dem 2011 kreierten Stück „A louer (Zu vermieten) zu Gast im Theater im Pfalzbau Ludwigshafen.

Schon die Autofahrt im Dunklen entlang der hunderte meterlangen monumentalen und rauchenden Industrieanalagen der BASF, hat etwas gespenstisch Unwirkliches. Ein passender Einstieg in das Stück „A louer“ wie sich später herausstellt. Denn im Pfalzbau Theater wartet eine dramatische Szenerie (Amber Vandenhoeck und Frederik Liekens) und eine Geschichte, die in einer verrückten Parallelwelt stattzufinden scheint. Inmitten einer halbrunden Bühne, mit Samtvorhängen, Balustraden und einer Treppe die in ein altes Schloss führt, treffen die hochgewachsene Marie Gyselbrecht und ihr vordergründig serviler Diener Seoljin Kim Vorbereitungen für eine Aufführung. Schonbezüge von Flügel und Plüschmöbeln werden entfernt, im Hintergrund schon die Musikinstrumente gestimmt. Die Mezzo-Sopranistin Eurydike De Beul spielt und singt, wähnt sich immer wieder bei einem Vorsingen, aus dem sie als Beste hervorgeht. Eingesponnen in ihre eigene Welt, verfolgt von Mann und Sohn und einer klatschenden Menge, spielt sie wieder und wieder, bis sie schließlich zusammenbricht. Eurydikes Geschichte wiederum scheint Marie zu entwickeln, gefangen in einer künstlerischen Blockade. „You must continue“ mahnt Seoljin Kim und die Machtgefüge verschieben sich. Der Sohn (Jos Baker) entkleidet sich bis auf weiße Liebestöter. Ein surreales Bild entsteht als der den Diener quer über der Schulter so trägt, dass sein Kopf verdeckt wird und er tastend die Treppen heraufsteigt. Der Vater Simon Versnel wird von Leo de Beul gedoppelt, der in ebensolcher Unterwäsche später am Klavier sitzt und singt. Um sich mit dem Unbewussten im Menschen auseinanderzusetzten und dafür erzählerische Situationen zu schaffen, hat sich das in Brüssel ansässige Kollektiv im Jahr 2000 um die Tänzer Franck Chartier und Gabriela Carrizo gegründet. Zusammen leiten sie die Gruppe, auch wenn sich alle beteiligten Künstler mit ihren Ideen einbringen und auch als Choreographen genannt werden. Durch ihre Ausbildungen als Maler, Sänger, Schauspieler, Tänzer und Choreographen entstehen vielschichtige Stücke, die eine ganz eigene Handschrift haben.

Die surreale traumhafte Szenerie in „A louer“ findet in einer körperlich extrem fordernden Bewegungssprache ihren Ausdruck. Wie sonst nur im Film möglich, bewegen sich die Tänzer wie beim Vor- oder Zurückspulen, werden Bewegungen in Zeitlupe oder viel zu schnell gezeigt. Wenn Seoljin Kim zu laufen beginnt, tut er dies in den unglaublichsten Verrenkungen. Ihm kippen beim wachsweichen Gang die Beine weg, um sich dann wieder stracks aufzurichten. Begonnen hat der Südkoreaner mit Hip-Hop auf den Straßen Seouls, bevor er dort an der National University Tanz und Choreographie studiert hat. Auch bei dem als sein Double auftretenden Landsmann Hun-Mok Jung sind Elemente von Streetdance spürbar, in rasantester Geschwindigkeit und mit erstaunlicher Energie. Als lebendige Statue stürzt er meterhoch von einem Vorsprung aus der Wand. Später entladen sich mit ihm die Annäherungsversuche Maries in einer so wilden wie grotesken Sexszene, bis er schließlich im Sofa verschwindet und alles nur ein Traum gewesen zu sein scheint. Verzweifelt bleibt sie zurück – und weiß erst recht nicht mehr weiter in ihrer Geschichte.

So finden sich für diese einsamen Gestalten einprägsame Bilder, entpuppt sich die plüschige Gemütlichkeit als doppelbödig und hintergründig. Eine 75 Minuten dauernde Geschichte, die vieles offen lässt und deren Bilder einem noch lange im Gedächtnis bleiben.

Das Publikum in Ludwigshafen hat Glück: Intendant Hansgünther Heyme ist es gelungen die Künstlerkollektiv Peeping Tom durch eine Kooperation bis ins Jahr 2018 an das Haus zu binden. Hier wird am 10. und 11. Mai nächstes Jahr die Welturauführung „Vater“ stattfinden, der erste Teil einer Trilogie, dem noch „Mutter“ und „Kinder“ folgen werden. Die Hauptrolle wird der Maler und Sänger Leo De Beul spielen, die Szenerie wird in einem Altersheim angesiedelt sein. Dort entlocken die Kinder dem Vater vielleicht ein schwerwiegendes Geheimnis.

27. November 2013, für das Darmstädter Echo,  © Julia Reichelt

Peeping Tom: A louer © Herman Sorgeloos

 

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