Loops and Lines – das Laban-Tanz-Projekt von Stephan Thoss im Staatstheater Wiesbaden

Loops and Lines, Giuseppe Spota und  Ayumi Sagawa, © Lena Obst

Begeisterter Applaus für den neuen Ballettabend von Stephan Thoss im Staatstheater Wiesbaden. Musikalischer Partner für sein Laban-Tanz-Projekt ist das renommierte Ensemble Modern aus Frankfurt. Auch wenn dem Zuschauer Begriffe wie „Eukinetik“ oder „Choreutik“ aus der Labanschen Bewegungslehre vielleicht nicht viel sagen, ein akustisches wie optisches Vergnügen ist der Abend allemal.

Fünf Jahre lang hat Stephan Thoss während seiner Ausbildung an der Palucca Schule in Dresden bei Patricio Bunster die Bewegungslehre von Rudolf von Laban (1879-1958) studiert, heute liegen sie seinen Choreographien zugrunde. Der chilenische Solist Patricio Bunster war Schüler von Kurt Jooss, der wiederum eng mit Laban zusammengearbeitet hatte und so das Wissen an ihn weitergab. Was ist Bewegung? Diese Frage hat den ungarischen Czárdás-Tänzer, Choreographen, Mitbegründer des Deutschen Ausdruckstanzes und später wichtigsten Tanztheoretiker umgetrieben. Es ging ihm um die Bewegung im alltäglichen Leben, nicht nur speziell um Tanz. In mathematischen Tabellen und Zeichnungen hat er festgehalten, was Bewegungen ausmacht und grundlegende Kategorien herauskristallisiert. Dabei ist das auch das „wie“ für ihn entscheidend: allmählich oder plötzlich, zart oder direkt.

Inwieweit Emotionen transportiert werden können, je nachdem wie eine Bewegung ausgeführt wird, hat Thoss gerade bei seinem letzten Handlungsballett „Blaubarts Geheimnis“ nuancenreich vorgeführt. Sein Laban-Tanz-Projekt kommt hingegen fast ganz ohne Handlung aus. Mit dem Ensemble Modern unter der Leitung von Wolfgang Ott, hat Thoss Musikstücke ausgewählt, die von bedeutenden amerikanischen Minimal-Musikern sind. Den ersten Teil bestreitet John Adams mit China Gates und Shaker Loops, den zweiten Steve Reich mit Eight Lines. Das Ensemble Modern improvisiert einen kurzen Auftritt mit fünf Bläsern, bei denen sie den Instrumenten ganz andere Laute entlocken als üblich. Im Zwiegespräch des Kontrafortes (gespielt von Johannes Schwarz) mit Ezra Houben, deren Kleid laut raschelt, lösen sich Klang und Bewegung gegenseitig aus und treten zueinander in Beziehung.

Die vibrierende Stimmung von Shaker Loops findet im energiegeladenen Tanz des Ensembles ihr Pendant. Die sieben Streicher des Ensemble Modern befinden sich nicht im Orchestergraben, sondern direkt auf der Bühne. Umtanzt und umringt von den Tänzern werden ihnen wird im Laufe des Stücks die Notenpulte weggeschoben, so dass sie sich ebenfalls im Raum bewegen müssen.Wechselnde Gruppenformationen unter den Tänzern ergeben sich, die Pas de deux von Valeria Lampadova und Florian Teatiu und von Ayumi Sagawa und Frank Pedersen ragen heraus. Ruhiger Kontrast zu dem vibrierenden Geschehen auf der Bühne ist eine Gruppe weißer Hemdskittel, die von der Bühne (Bühne und Kostüme ebenfalls Stephan Thoss) herabschweben. Wie aus einem Triadischen Ballett von Oskar Schlemmer entsprungen, erscheint Romy Liebig auf der Bühne. Ihre marionettenhaft, abgehackten Bewegungen haben keine Auswirkungen auf die anderen Tänzer. Als surreale Erscheinung tanzt sie allein, ohne Auswirkungen auf den Rest der Gruppe, fast als Versinnbildlichung der in diesem Moment kristallinen, kühlen Musik. In Eight Lines wird das Tänzerpaar Sabine Groenendijk und Guiseppe Spota immer wieder von zwei verschieden farbenen Tänzergruppen beeinflusst, deren Bewegungen in ihren Tanz einfließen wird. Eher gebrochene, stakkatoartig tanzen die Tänzer in Blau, eher weich und fließend diejenigen in Gelb. Das ganze tänzerische Spektrum was die virtuosen Choreographien von Stephan Thoss ausmacht, wird greifbar im letzten, ungewöhnlichen Pas de deux von Spota und Groenendijk. Raumgreifend weit auseinander driftend oder eng umschlungen finden sie sich immer wieder.

Zu Beginn des Abend ist zu dem Stück für Solopiano „China Gates“ von John Adams eine Videoprojektion zu sehen. Ein Mädchen läuft und springt selbstvergessen im herbstlichen Wald und wirft mit Blättern. Die Bewegungen in Zeitlupe sind graziös und unbeschwert: Eine Anspielung an die sorglose Zeit, als Laban bei der ersten Hippiekommune auf dem Monte Verita in Ascona seine Sommerkurse für Tanz gegeben hat. Dort hat er den Grundstein für den Deutschen Ausdruckstanz gelegt. Und tänzerisch versucht, der unschuldigen Grazie kindlicher Bewegungen tänzerisch wieder nahe zu kommen.

Copyright Julia Reichelt für das Darmstädter Echo am 6.11.2013

Weitere Aufführungen 07.11.,28.11.,07.12.,08.01., 26.01., 18.02.,06.03.,18.04. und 30.04.2013 jeweils 19.30 Uhr im Staatstheater Wiesbaden, Großen Haus.

 

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