Zum letzten Mal in Darmstadt am 13.12.2015: Billies Blues – Das Leben der Billie Holiday

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Wie ist so ein Leben auf die Bühne zu bringen? Als Kind vergewaltigt, später Prostituierte, heroinabhängig, von der Polizei verfolgt, schließlich mit 44 Jahren auf dem Sterbebett verhaftet. Darüber hinaus legendäre Jazzsängerin. Zwischen diesen Extremen bewegt sich das Leben von Billie Holiday. Aus diesem Stoff hat die Schauspielerin und Sängerin Marijke Jährling ihr erstes Stück gemacht, und spielt darin auch die Hauptrolle. Ein gewagtes Unterfangen – das funktioniert. Nächste Vorstellung; 19.1. 18 Uhr. Ihr Mann Peter H. Jährling hat mit präziser Hand Regie geführt und zeigt, mit wie wenig Mitteln Stimmung erzeugt werden kann.

Zwölf Songs von Billie Holiday bezieht sie in die Handlung ein und macht aus dem Abend zudem ein überzeugendes Jazz-Konzert mit erstklassigen Musikern. Sie sind der rote Faden, erzählen die Handlung weiter oder vertiefen sie. Die melancholische Grundstimmung des Stücks gibt schon der erste Song „Lady sings the Blues“. Im Glitzerkleid und mit Blumen im Haar singt Jährling, optisch an die Aufmachung Holidays angelehnt. Selbst ist sie erst spät zum Gesang gekommen, jetzt ist er ihre große Leidenschaft. Das merkt man allen musikalischen Nummern an: Sie füllt diese Rolle mit einer ganz persönlichen Note und versucht gar nicht erst, die Sängerin zu kopieren. Die Lieder erzählen viel über das Leben der Holiday, “My man don´t love me” oder „Don´t explain“ über das meist unglückliche Verhältnis zu Männern, “Strange fruit” als Ausdruck ihres Protests über den Rassismus in Amerika. Über die gut arrangierte Swing-Jazz Musik wird die Atmosphäre der Zeit greifbar.

Gleichzeitig ist das Stück wie ein Krimi aufgebaut und dreht sich um die Figur von H. J. Anslinger, einem der schärften Befürworter der Cannabis-Prohibition in dieser Zeit. Er steht für die staatliche Gewalt im Stück, verfolgt und verhört die Holiday und ihren Pianisten (gespielt von Samir Djicic) aufgrund ihres Drogenbesitzes. Peter H. Jährling spielt diese Rolle als kühlen Polizisten, der im Verhör zu demütigen weiß. Mit treffenden Gesten markiert im Stück auch den vierschrötigen Zuhälter und Ehemann Louis McKay und ist schließlich der freundliche Plattenproduzent Ray Ellis, der Holidays letzte Schallplatte produziert.

Das Publikum nimmt teil am Verfall dieser begnadeten Musikerin, die es nicht geschafft hat, die Sucht zu überwinden und von sich gesagt hat „Ich fühle mich immer überall falsch.“ Wie ein verglühender Stern singt sie am Schluss “Don´t worry about me”. Wie es tatsächlich weiterging, muss nicht gezeigt werden.

© Julia Reichelt, für das Darmstädter Echo, 5.10.2012

www.westsidetheatre.de

 

 

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