“Une semaine de bonté” Christina Comtesse choreographiert Max Ernst in den Kammerspielen Darmstadt

 

Weitere Aufführungstermine im November am 22. und 29., im Dezember am 7. und 28. Hier mein Bericht zur Offene Probe „7 Tage“.

Am 5. Oktober ist die erste Premiere der neuen Spielzeit im Tanztheater. Der surrealistische Collagenroman “Une semaine de bonté” von Max Ernst liegt der Uraufführung zugrunde. Wie kreativ diese rätselhaft-beunruhigenden Collagen tänzerisch umgesetzt werden können, zeigten auch die neuen Mitglieder des Ensembles beim Besuch der Offenen Probe.

Noch wird daran geprobt, wie in der „Wasser“-Szene der meterlange Seidenstoff richtig wogt, wenn Ana Sánchez Martínez und Lee Bamford damit die Bühne betreten. Die Zeit ist diesmal knapp kalkuliert worden für die Uraufführung “7 Tage”. Keine vier Wochen sind zum Einstudieren vorgesehen.

Christina Comtesse hat sich den surrealistischen Collagenroman von Max Ernst: „Une semaine de bonté“ (“Eine Woche der Güte”) als Vorlage genommen für ihre zweite eigene Choreographie am Staatstheater Darmstadt. Schon 2009 hat die Ballettmeisterin mit „Der Dritte Sinn – Deflorage à froid“ frei nach dem “Parfüm” von Patrick Süskind einen eindringlichen Abend in den Kammerspielen geboten, der ebenso skurril wie fantasievoll war. Diesmal ist es das mit 182 Blättern größte Collagenwerk Max Ernsts. Der 1934 erschienene Roman funktioniert nur über die Bilder, die aus historischen Groschenromanen und Holzstichen von Gustave Doré zusammengesetzt sind. Den einzelnen Wochentagen legt Max Ernst sieben verschiedene Elemente und verschiedene Farben zugrunde und erzählt eine Schöpfungsgeschichte der anderen Art. Schlamm, Wasser, Feuer, Blut, das Schwarze, das Sehen und das Unbekannte, gelb, purpur, grün und blau illustrieren in beunruhigenden Bildern vor allem Eins: die bösen und grausamen Seiten des Menschen.

Diesen Darstellungen spürt die Britin Comtesse choreographisch nach und gibt den Tänzerinnen und Tänzern auch Freiraum eigene Bewegungen zu finden. Sie erfindet traumartige Bilder und öffnet einen größeren assoziativen Raum als die Vorlage, der auch komische und schwarz-humorige Facetten hat. Wenn Christopher Basile und Ana Sánchez Martínez in Spitzenschuhen mit venezianischen Masken ein Vogelpärchen tanzen. Beim letzten „Rendezvous-Hier wird getanzt“ hat Basile mit diesem Part schon begeistert. Comtesse bringt die Fabelwesen von Max Ernst auf die Bühne, spürt den dargestellten Szenen choreographisch nach, wenn Laura Witzleben eine Sphynx darstellt und Emmanuele Rosa einem Drachenwesen nachspürt. Wie Max Ernst in seinen Collagen findet sie traumartige tänzerische Umsetzungen für das Getriebensein des Menschen. Erst zeigen die beiden neuen jüngsten Mitglieder des Ensembles Stellina Jonot und Ohat Fabrizio Caspi, wie er sie auf der Bühne gewalttätig bedrängt, dann führt Jonot die Bewegungen noch einmal vor – diesmal allein. So wird es im Stück zu sehen sein.

Statt mit scharfer Schere und Klebstoff wie Max Ernst hat Christina Comtesse in vielen Nächten eine Klangcollage mit einer enorme Bandbreite erstellt, die auch jetzt noch im Werden ist. Tonaufnahmen einer Atombombe, Songs von Dean Martin, Calexico oder Independentbands bis zu Liedern der französischen Revolution illustrieren akustisch, was auf der Bühne passiert. Die Bühne von Corina Krisztian-Klenk ist schwarz, eine geschwungene Silhouette spielt assoziativ auf die stets vorhandene Körperlichkeit in den Collagen an. Sie begleitet das Stück, wird im Laufe der Geschichte ergänzt und entfaltet seinen Sinn erst ganz am Schluss. Die Aufführung wird circa 90 Minuten dauern.

Copright; Julia Reichelt, für das Darmstädter Echo, 2.10.2013

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