Ein Traum von einem Maler – Courbet in der Kunsthalle Schirn

Katalog Cover Courbet - Ein Traum von der Moderne, Hatje Cantz Verlag

Sie dämmern, dösen und träumen vor sich hin, die Personen auf den Bildern Gustave Courbets (1819-1877), die noch bis 30. Januar in der Frankfurter Schirn ausgestellt sind.

Aus elf Ländern hat der Kunsthistoriker und langjährige Courbet-Forscher Klaus Herding (71) rund hundert Bilder zusammengetragen, die vorrangig nicht den Realisten Courbet, sondern den Maler träumerischer, nachdenklicher Zwischenzustände zeigen. Dies ist ein vernachlässigter Aspekt in seinem Werk, ist Courbet doch als so genannter Realist berühmt geworden. Wie mit den „Steinklopfern“ durch die er 1849 den ersten seiner vielen Mal-Skandale auslöst, weil er das triste Schicksal von Tagelöhnern unbeschönigt darstellt. Oder durch sein drei mal sieben Meter großes Gemälde „Das Begräbnis in Ornans“ dass in den Dimensionen eines Historienbildes ein dörfliches Begräbnis zeigt. Courbet wird in der Schirn anders als üblich positioniert: nämlich als Vorläufer der Symbolisten und später auch Surrealisten, für die der Traum eine Schlüsselrolle spielt.

Das berühmteste Gemälde der Ausstellung „Die Mädchen an der Seine, im Sommer“ (1856/57) gibt gleichzeitig auch Rätsel auf. Courbet malt hier zwei Frauen in zerzauster Kleidung, die auf einer Wiese liegen. Die eine döst mit halb geschlossenen Augen vor sich hin, die andere sinniert in die Ferne. Am Ufer ist ein Ruderboot mit einem Strohhut darin erkennbar. Denn einer fehlt hier auf dem Bild, der offenkundig da gewesen sein muss: der Mann. Frauen durften um diese Zeit keine Boote ausleihen und gucken gemeinhin auch nicht so beglückt, wenn nicht vorher eventuelle Liebesabenteuer vorgekommen sind. Dies alles bleibt bei Courbet in der Schwebe: was geschah und wer die Frauen sind, die hier am hellichten Tag in der Natur lagern. Es können keine Damen – werden eher schon Prostituierte gewesen sein, zudem wirkt die eine der beiden Frauen deutlich alkoholisiert. Courbet verschmilzt in diesem Bild seinen realistischen Stil, für den er berühmt und zu Lebzeiten oft angefeindet wurde mit und spielt mit den Assoziationen des Betrachters.Er gefällt sich aber auch in der Inszenierung verschiedener Posen, was bei den ausgestellten Selbstporträts deutlich wird. Diese, und die Porträts seiner Familie und Freunde wie Hector Berlioz oder der sinnierende Paul Ansout sind ein Höhepunkt der Ausstellung. Sich selbst malt Courbet als Cellospieler, als Bohémien mit dem typischen Accessoire der Pfeife im Mund, inszeniert sich wie der Heilige Sebastian als Verwundeter, der angelehnt an einen Baum fast ganz mit der waldigen Umgebung zu verschmelzen scheint. Das „Selbstbildnis als Verzweifelter“ bezieht den Betrachter mit ein. Erschreckt, mit weit aufgerissenen Augen und sich die Haare raufend, sieht der junge Courbet uns an – oder was genau Schreckliches scheint er zu erblicken? Parallel zu seinen Darstellungen des einfachen Lebens, der bäuerlichen Gesellschaft und Landschaften, wie er sie auch in seinem Geburtsort Ornans in der Franche-Comté vorfand, hat Courbet auch skandalträchtige Aktbilder gemalt. Zwar ist weder der berühmte „Ursprung der Welt“, noch das ineineinander verschlungene Liebespaar zweier unbekleideter Frauen, die „Schlafenden“, in der Schirn zu sehen, doch immerhin gibt es eine Ölstudie zu dem Gemälde „Frau mit Papagei“. Das charakteristische an Courbets Maltechnik wird hier greifbar: während der Hintergrund in groben Pinselstrichen abstrakt angedeutet wird, ist die nackte Büste der Frau, die Beschaffenheit ihrer Haut, die wilde Haarpracht kontrastierend deutlich ausgeführt. Bereits in seiner allerersten Aktdarstellung „Die Bacchantin“ (1844-47) wendet er dies Prinzip an, und spielt auch hier mit dem Blick des Betrachters. In warmer Beleuchtung liegt die Frau nackt wie hingegossen auf einem roten Tuch den Blicken preisgegeben. Die Umgebung ist dunkel, angedeutet, ihr Körper ist deutlich herausgearbeitet, wirklichkeitsnah. Sie schläft – und träumt.                 Copyright Julia Reichelt

Die Ausstellung ist noch bis 30. Januar 2011 zu sehen in der Schirn Kunsthalle Frankfurt Römerberg, 60311 Frankfurt

Dienstag, Freitag bis Sonntag 10 bis 19 Uhr, Mittwoch und Donnerstag 10 bis 22 Uhr.

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