Palucca – Die Biographie

Gret-Palucca-1945

Ich wollte eigentlich immer tanzen“

Am Ende ist sie einem nicht unbedingt sympathisch, hat sie doch zeitlebens geschickt gewusst ihre Position zu sichern – ungeachtet des politischen Systems. Eine „Jahrhundertfrau“ ist die Gret Palucca. 1902 bis 1993 hat sie gelebt und die Biografie dieser berühmtesten deutschen Tänzerin wird unweigerlich auch zu einer Chronik deutscher Geschichte. Und zur Geschichte des deutschen Ausdrucksstanzes, dem sie eine ganz persönliche und durch ihre Schule in Dresden noch heute wirkende Seite hinzuzufügen weiß.

Schon als Kind ist sie ein sportlicher Wirbelwind, „Ich wollte eigentlich immer tanzen“ sagt sie später, doch nicht im Ensemble, sondern allein, für sich. Und als Solistin füllt sie später die großen Bühnenhäuser. 1919 hat sie in Dresden die Vorstellung gesehen, bei der Mary Wigman ihren Durchbruch als Tänzerin erlebt. So will sie auch tanzen, nicht „niedlich und hübsch“ wie im klassischen Ballett. Sie beginnt ihre Ausbildung bei Mary Wigman, die sie bald technisch überflügelt. Die nur 1,58 cm große Palucca ist akrobatisch, berühmt für ihre hohen Sprünge aus dem Stand heraus, athletisch wie ein Gummiball. Als der absehbare Streit zwischen den Frauen eskaliert und Palucca aus der Kompanie geworfen wird, hat sie Glück. Ihr wohlhabender Freund Friedrich Bienert heiratet sie und ermöglicht ihr die Solo-Karriere mitsamt Gründung einer eigenen Tanzschule in Dresden. Palucca wird immer Menschen an ihrer Seite haben, die sie aufopferungsbereit unterstützen und fast alles für sie tun, seien es der Ehemann, der Geliebte Will Grohmann oder später Marianne Zwingenberger und Irmgart Schöningh , mit denen sie in zeitweise in einer ménage à trois zusammenlebt. Über Bienert und Grohmann hat Palucca Kontakt zu allen wichtigen Künstlern der 20er Jahre: Kandinsky, Jawlensky, Dix, Kirchner – und das Bauhaus. Alle sind begeistert von ihrer jugendlichen, fast kindlichen aber extrem akrobatischen Art zu tanzen. Ihre berühmteste Choreographie „Serenata“ wird sogar als Vorfilm im Kino gezeigt.

Mit dem Jahr 1933 passt sie sich an die neuen Machthaber an. Sie entlässt ihren langjährigen Agenten und einige ihrer LehrerInnen, die jüdischer Abstammung sind. Sie gilt als „deutscheste Tänzerin“ und tanzt bei der Olympiade 1936 einen jubelumtosten „leichten Walzer“. Kurz darauf braucht sie eine Sondergenehmigung zum Tanzen, als herauskommt, dass sie Halbjüdin ist. Ihre Schule wird geschlossen, um unmittelbar nach dem Krieg wieder ihre Türen zu öffnen. Erst im Alter von 48 Jahren beendet Palucca ihre offizielle Tanzkarriere. 200 eigene Choreographien hat sie geschaffen. In ihrem Unterricht setzt sie sich nachdrücklich dafür ein, dass jede/r TänzerIn eine eigene Bewegungssprache entwickeln sollte. Spontaneität und Improvisation sind für sie die wichtigsten Voraussetzungen. Der Reglementierung durch das SED-Regime kommt sie entgegen, indem sie – wie bereits in der Nazizeit – die Fächer „Ballett“ und „Nationaltanz“ aufnimmt. Von nun an lebt sie einen Teil des Jahres in Dresden oder auf Hiddensee, wo ihr das DDR-Regime den Bau eines Hauses finanziert. Dass in ihrem engsten Vertrautenkreis Spitzel sind, erfährt sie erst nach dem Mauerfall. Diesen letzten Systemwechsel hat die fast Neunzigjährige nicht mehr gut verkraftet. Sie stirbt am 22. März 1993 und liegt auf ihrer Lieblingsinsel Hiddensee begraben. Tanzen ist etwas Natürliches – das ist ihre Botschaft und ihr Vermächtnis.

Susanne Beyer hat für ihre Biografie die bis vor kurzem gesperrte Privatkorrespondenz von Gret Palucca sichten können. Sie entwirft ein lebendiges, einfühlsames aber auch diskretes Bild dieser widersprüchlichen Persönlichkeit. Nicht nur für TanzenthusiastInnen interessant!

Susanne Beyer: Palucca – Die Biografie, AvivA Verlag, ISBN 978-3-932338-35-9, 24.80 Euro

www.aviva-verlag.de

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