Subtil, spielerisch und hintergründig: „Märchen Kunst“ in der Kunsthalle Darmstadt

 Vincent Olinet, Bildrechte Künstler

Die 19 „Mutanten“ der polnischen Bildhauerin Magdalena Abakanowicz weisen den Weg in ein seltsames Märchenland. Geformt aus grobem Sackleinen sind sie als Wesen nicht einzuordnen, erinnern an überdimensional große Hunde. Viele Werke bleiben zweideutig in dieser aktuellen Ausstellung „Märchen Kunst“ der Kunsthalle, insgesamt 14 zeitgenössische KünstlerInnen sind daran beteiligt.

Die Düsseldorfer Malerin Andrea Bender beschäftigt sich mit der Geschichte „Alice in Wonderland“, die sich zwischen Wirklichkeit und Fantasie bewegt. In ihrer malerischen Bearbeitung gibt sie mit pastosem Farbauftrag den Schwung der Szenen wieder. Ihr „Zündholzmädchen“ zeigt in schwefel-giftgelbem Farbton weniger ein armes, als ein fieses Zündelkind, in der Hand eine offene Flamme. Feil bietet sie einen Schweinskopf, der auf dem Boden liegt. Manches, das auf den ersten Blick niedlich wirkt, entpuppt sich als das genaue Gegenteil, wie die Scherenschnitte der New Yorker Künstlerin Kara Walker. Sie nutzt dieses altmodische Medium, um auf die Unterdrückung von Schwarzen hinzuweisen, die Apartheit ist eines ihrer Themen. Zu sehen ist aber auch ihre Serie „The Approximation of Emancipation“. Entgegen dem Titel deuten die biedermeierlich wirkenden Scherenschnitte auf die sexuelle Unterdrückung der Frau hin. Auch die zartfarbigen Bilder von Fides Becker sind vom Titel her zuerst märchenhaft. Sie heißen „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ oder „Wer hat in meinem Bettchen geschlafen?“. Was zuerst wie ein aufgetürmtes Matratzenlager aussieht, in dem die Prinzessin auf der Erbse geschlafen haben könnte, stellt sich als Ort der Gewalt heraus: Die Laken wirken blutig, als wäre etwas Schlimmes vorgefallen. Was – bleibt der Fantasie der BetrachterInnen überlassen.

Bei der jungen britischen Bildhauerin Laura Ford verwandeln sich Mädchen in Bäume – oder umgekehrt: ein tannenähnlicher Baum hat statt des Baumstumpfes ein Paar rote Schuhe. Das „Spaliered Girl“ ist ein drei Meter weit in den Raum greifendes Spalierwesen, das trotz der ausufernden Äste sehr an einen verwunschenen Menschen erinnert.

So bleibt vieles in dieser Ausstellung im Zweideutigen, in subtilen Anspielungen verborgen. Die KünstlerInnen nutzen die vordergründig kindliche Gattung Märchen um hintergründig Kritik zu üben, betonen vielfach die düstere, gewalttätige Seite hinter der Idylle. Dabei überlassen sie vieles der Vorstellungskraft des Publikums. Und das macht den Reiz dieser vielschichtigen Schau aus. Auch die Ausstellungskonzeption bedient sich märchenhafter Strukturen und ist narrativ. So blicken wie böse Zwerge die Skultupturen von Jonathan Meese in die riesige Himmelbettinstallation von Vincent Olinet: Welche Prinzessin hier auch immer geschlafen hat, sie hatte sicher keine seligen Träume…

Copyright Julia Reichelt

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