La Bohème – so schön und so traurig!

„Die Bohème ist die Vorstufe des Künstlerlebens, sie ist die Vorrede zur Akademie, zum Hospital oder zum Leichenschauhaus“ schreibt Murger – für Puccini wird sie Vorlage seiner berühmtesten Oper.Künstleralltag im 19. Jahrhundert:der Ofen ist kalt, zu Essen gibt es nichts, doch die Liebe ist da und es geht immer irgendwie weiter. Ein verkauftes Bild, Geld für eine Klavierstunde oder einen verkauften Artikel, so hangelt man sich von Tag zu Tag.So wie Henri Murger in seinem 1851 erschienenen kurzen Roman „Scènes de la vie de Bohème“ das Künstlerleben in Paris beschreibt, hat er es auch erlebt. Sogar die lungenkranke Geliebte gab es in seinem Leben. Bei ihr hat er sich angesteckt und ist schließlich selbst – noch jung – an Tuberkulose gestorben. Wie er allerdings auf den Begriff „Böhmen“ (Bohème) für die Welt unbekannter, junger Künstler kam, ist ungewiss. Seine Geschichte erzählt von vier in bitterer Armut lebenden Künstlern, Marcelo (Maler), Schaunard (Musiker), Rodolfo (Schriftsteller) und Colline (Philosoph). Trotz allen Widrigkeiten halten sie zusammen, verlieren nicht ihren Humor. Auch weil ihnen illustre Frauengestalten zur Seite stehen wie die Kokotte Musetta oder die Blumenstickerin Mimi.

Vor allem durch die Oper von Giacomo Puccini ist Murger heute noch bekannt. Puccini lernt das Bohème Leben kennen, als er 1880 am Konservatorium in Mailand studiert. Und fokussiert, wie bei den meisten seiner Opern, sein Libretto auf eine Frauengestalt: hier die lungenkranke Mimi. Sie ist die eigentliche Hauptfigur dieser Milieuschilderung.

Die stimmungsvolle, aus vielen kleinen Motiven und Themen zusammengesetzte Musik überträgt Regisseur John Dew dank einer einfachen, wie atmosphärisch gelungenen Bühnenbildidee von Heinz Balthes ins Visuelle: Den kompletten Bühnenhintergrund nimmt zu Beginn das monumental vergrößerte Gemälde von Camille Pissarro „Boulevard Montmartre“ ein. Wir blicken auf den großen Pariser Boulevard, wo es impressionistisch flimmert. Und fühlen uns direkt ins 19. Jahrhundert versetzt. Auch die folgenden Bilder sind von Pissarros Gemälden bestimmt und von den aufwendigen historischen Kostümen von José-Manuel Vázquez, die zusätzlich für Ambiente sorgen. Denn Dew bleibt bei seiner Inszenierung ganz nah an Puccini, inszeniert in gutem Sinne traditionell und nichts gegen den Strich. Seine Besetzung ist klug gewählt und stimmlich ein Vergnügen. Nicht nur wegen ihres komödienreifen Auftritts im zweiten Bild sticht vor allem Margaret Rose Koenn heraus, die als verführerisch temperamentvolle Musetta in grell rotem Kleid den alten Geck Alcindoro (Antatevka-Star Monte Jaffe) übervorteilt, um zu ihrem Marcelo zurückzukehren. Ihr Geliebter Marcelo ist Oleksandr Prytolyuk und mit seinem komödiantischen Talent eine gute Besetzung. Susanne Serfling singt Mimì makellos, schön, und traurig. Von Anfang an ist die Liebesgeschichte zwischen ihr und Rodolfo von Melancholie geprägt. Als sie im ersten Bild vom Frühling träumt, ahnt man gleich, dass sie ihn nicht mehr erlebten wird. Ihr Bühnenpartner Gaston Rivero als Rodolfo verkörpert diese Rolle authentisch und singt mitreißend. Als Mimi im letzten Bild in die Künstlermansarde zurückkehrt, steht ihr Tod bevor. Musetta versetzt ihren Schmuck, Colline (John in Eichen) nach einer bewegenden Arie seinen einzigen Mantel, es hilft alles nichts – kein Muff und keine Arznei können mehr helfen. Mimì stirbt.

Copyright Julia Reichelt

Weitere Vorstellungen: 31 .12. 19 Uhr;8.1. 19:30 Uhr, 14.1.19:30 Uhr; 26.1.19:30 Uhr

Giacomo Puccini | Oper in vier Bildern

Musikalische Leitung Martin Lukas Meister
Inszenierung John Dew
Bühne Heinz Balthes
Kostüme José-Manuel Vázquez
Choreografie Anthoula Papadakis
Choreinstudierung André Weiss

Joel Montero | Gaston Rivero (Rodolfo), Georg Arthus | Oleksandr Prytolyuk (Marcello), David Pichlmaier | Malte Godglück (Schaunard), John In Eichen | Thomas Mehnert (Colline), Monte Jaffe (Benoît | Alcindoro), Susanne Serfling (Mimì), Margaret Rose Koenn (Musetta), Sven Ehrke | Lasse Penttinen (Parpignol)

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