William Forsythe Sider

2444Nach Hellerau, Paris, Brüssel und Wien wird das neue Stück „Sider“ von William Forsythe und seiner Kompanie nun im Bockenheimer Depot in Frankfurt gezeigt.Vermummte Gestalten, viel Sprache und übermannsgroße Papptafeln, aus diesen Elementen besteht „Sider“, dass am 7. März im Bockenheimer Depot seine Frankfurtpremiere hatte. Das neue Stück von William Forsythe und der Forsythe Company ist in der Improvisation entstanden: als die Tänzer mit den großformatigen Pappen hantierten, diese vor sich her bolzten, erst Zahlen, dann Buchstaben skandierten. Schnell fand das englische „b/be“ die Antwort „and not to be“ – die Idee einen „Hamlet“ auf die Bühne zu bringen, war geboren. Das erahnt der Zuschauer an diesem Abend allerhöchsten an den Pumphosen und angedeuteten elisabethanischen Kragen, die manche Kostüme der vierzehn Tänzer zieren. Als Anspielung an das Zeitalter, in dem Shakespeare gelebt hat. Auch von der per Kopfhörer eingespielten Klangpartitur einer alten Hamletverfilmung weiß der Zuschauer nichts. Sie ist in der Vermummung versteckt. „in disarray“ (Verwirrung) ist auf dem Karton zu lesen, die der Tänzer und Performer David Kern vor sich her trägt. Das scheint auch dem Zuschauer zu gelten. Was Kern spricht, klingt wie eine Fantasiesprache. Er spielt mehrere Rollen, nutzt verschiedene Stimmlagen. Deklamiert monoton, säuselt, wispert, was ihm in seiner Kappe eingespielt wird. Mit ihrem melodiösen Singsang in der Stimme spricht auch Dana Caspersen ausdrucksstark, aber ebenso unverständlich, am Schluss den Monolog Hamlets „to be or not to be“. Der Text ist das Sprungbrett für die anarchische und groteske Fantasie der Kompanie, deren rhythmische Klangpartitur fantasievoll umgesetzt wird. Durch das leise, streng intervallische Bassgrollen (Musik Thom Willems), dass sich im Laufe des Stücks zu ohrenbetäubenden Kriegsgeräuschen steigert. Durch das schnell an und ausgehende Licht der changierenden Leuchstoffröhren auf der sonst leeren Bühne (Lichtobjekte: Spencer Finch). Rhythmus geben vor allem die Tänzer vor, die ihren Körper einsetzen, trampeln, trippeln, schnipsen, klatschen. Sie bewegen sich rastlose, kämpferisch, mal allein, mal in der Gruppe. An Ninjakämpfer oder Ritter erinnernd, klopfen sie schwierige Rhythmen auf und mit ihren Pappen. Sie dienen als Schutzwall, um sich abzugrenzen, als Schutzraum, unter dem man sich verstecken kann. Als Ausgrenzung, mit der man einander bedrängen kann. Schon der Titel des Stücks ist ein Sprachspiel. Dem „Sider“ fehlt das „In“ oder „Out“ um einen kompletten Sinn zu ergeben. Position beziehen, Outsider oder Insider zu sein, wird vielfältig, experimentell bis gewalttätig durchgespielt. Das Abgrenzen und Ausgrenzen hört nicht auf – und wie das Stück begann, so endet es nach 70 Minuten auch, wenn Fabrice Mazliah, Jone San Martin und David Kern mit den Kartons ihre Position beziehen.

Copyright Julia Reichelt,  im Auftrag für das DARMSTÄDTER ECHO.

 

Sider- Eine Arbeit von William Forsythe und der Forsythe Company mit Musik von Thom Willems 

Weitere Vorstellungen am 13., 14., 15., 16. März, 20 Uhr, Bockenheimer Depot, Frankfurt am Main

 

 

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