Ballett Staatstheater Mainz: Inger Touzeau Godani

INGER/GODANI/TOUZEAU: Les noces | Staatstheater Mainz, Copyright: Martina Pipprich

INGER/GODANI/TOUZEAU: Les noces | Staatstheater Mainz, Copyright: Martina Pipprich

Im neuen Ballettabend des Staatstheaters Mainz messen sich Johan Inger, Jacopo Godani und Pascal Touzeau mit ihren Choreographien an starken musikalischen Vorlagen. Und haben auch damit zu kämpfen.

Hundert Jahre nach der provokativen Uraufführung von Igor Strawinskys “Sacre du printemps” („Frühlingsopfer“) zeigt das ballettmainz die Choreographie des langjährigen Leiters des Cullberg Ballett. Johan Inger hat sein Stück “Dreamplay” bereits im Jahr 2000 entwickelt. In dem für Sergei Djagilews Ballets Russes komponierten Zweiteiler erzählt Strawinsky von einem heidnischen Opferritual, in dem sich ein junges Mädchen zu Tode tanzt. Inger hingegen nutzt den ersten Part „Die Anbetung der Erde“ für seine eigene Interpretation. Den aufbrechenden Frühling spürt hier vor allem ein junger Mann (Marco Blázquez), als er eine Frau in Rot (Keiko Okawa) vorbeistöckeln sieht. In seinem Tagtraum malt er sich aus, was passiert, wenn er dem Verlangen nachgibt. Und das heißt nicht nur Spaß mit der Neuen sondern Stress mit seiner Alten (Mariya Bushuyeva), Kräftemessen mit männlichen Konkurrenten und schließlich sogar ein Schuss. Da bleibt doch lieber alles, wie es ist und er lässt die Frau vorüberziehen. In humorvoll übersteigerten Bewegungen drückt Inger seine Umdeutung ins Komische aus: Die Erregung zuckt durch den ganzen Körper von Blázquez, er fällt in Ohnmacht. Sein Duo mit der eifersüchtigen Mariya Bushuyeva ist so kämpferisch wie das mit Keiko Okawa tastend. Zusammen mit drei anderen in Röcke gekleideten Tänzern bietet er archaisch stampfend und in ausladenden Bewegungen den stark rhythmischen Partien Strawinskys erfolgreich die Stirn.

In Jacopo Godanis Stück „Raw Models“ hat es das glänzende Ensemble schwerer, sich gegen die Lautstärke und aggressive Wucht der Klangcollage von 48nord durchzusetzen. Um die Bewegungen der Tänzer in schwarzen halbdurchsichtigen Tricot-Kostümen gegen das Dunkel der leeren Bühne abzuheben, hat sich Godani (auch Bühne und Kostüme) ein effektvolles Lichtkonzept einfallen lassen. Immer wieder versinken sie im Stockdunklem, um partiell oder in anders getöntem Licht wieder aufzutauchen. Vom Düsteren der kalt-klirrenden Maschinensounds und der Bühne her, könnte eine Endzeitstimmung beschworen werden. Spotlichtartig werden mal die Arme oder Füße, mal einer oder zwei Tänzer betont. Bedrohlich asynchron ist der Klang, fließend weich die Bewegungen der Tänzer. Sie weisen Godani als langjährigen Solisten und Co-Choreographen von William Forsythe aus. Dessen Bewegungssprache wird virtuos getanzt, hält aber der Musik nicht genug entgegen. Immer wieder lösen sich Einzelne aus dem homogen tanzenden Menschenklüngel, wie zu Beginn Christian Bauch und David Leonidas Thiel in einem geschmeidigen Duo oder kraftvoll Anne Jung, um dann wieder zur Gruppe zurückzukehren. Ist und bleibt der Mensch ein Herdentier?

Den letzten Teil des zweistündigen Abends bestreitet der Ballettdirektor Pascal Touzeau selbst und zeigt seine Version der ebenfalls 1913 begonnen “Bauernhochzeit” von Strawinsky als Uraufführung. Während es Inger noch gelingt, Musik und Tanz zu verbinden, haben es die Zuschauer bei Touzeau schwerer: die Musik von „Les Noces“ erzählt viel, die Choreographie weniger. Alle seine 16 beachtlichen Tänzer sind dabei, farblich unterschieden in zwei Familien und einem männlichen Hochzeitspaar. Der stark rhythmischen, aufpeitschenden Musik dieser Ballett-Kantate setzt Touzeau ein „chaos organisé“ entgegen, wie im Programmheft zu lesen ist. In seiner Choreographie will er das vorhandene “tänzerische Material (…) weiterentwickeln”. Dazu gruppiert er die Tänzer in immer wieder anderen Konstellationen, die an Dorfjugend erinnern könnte, an sich formierende und abweisende Paare. Anspielung an Volkstänze, ausgelassene Feststimmung ist assoziativ aus dieser Choreographie erkennbar, bei der sich vor allem erneut Anne Jung, Christian Bauch und Marco Blázquez hervorheben. Keiner von ihnen will zu Beginn in den Hafen der Ehe, der in Form einer monumentalen, begehbaren Holzskulptur auf der Bühne steht (Bühne und Kostüme ebenfalls Pascal Touzeau). Warmes Licht und friedliche Klänge deuten am Schluss das harmonische Ende an. Da liegt Christian Bauch in der nußschalenförmigen Skulptur und wartet auf seine Braut Marco Blázquez.

Weitere Vorstellungen: 28. April 2013, 22. Mai 2013, 31. Mai 2013, 17. Juni 2013, 25. Juni 2013, in der Spielzeit 2012/2013 wird der Ballettabend als Zweiteiler (Inger und Touzeau) wiederaufgenommen.

 

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