Filmtage Rüsselsheim 2013

„Offline“: Satire auf das Internet ist Publikumsliebling bei den 20. Rüsselsheimer Filmtagen

Die Filmtage Rüsselsheim feierten Jubiläum. Schon im Vorfeld bereits ausverkauft, wurden an diesem Wochenende zum 20. Mal satirische Kurzfilme gezeigt und per Publikumswahl ausgezeichnet. Die Spannbreite an gesellschaftlichen und politischen Themen, die überspitzt und kritisch hinterfragt wurden, war ebenso beachtlich wie die unterschiedliche Ausführung der insgesamt 17 gezeigten Kurzfilme.

Standbild Offline: Rechte von Benjamin Lenz

Standbild Offline: Rechte von Benjamin Lenz

 

Kleine, grüne Knetgummiwesen sind der wahre Grund für die Kriege der USA gegen den Irak. Das wissen wir seit dem Kurzfilm von Barbara Marheineke „Grünes Gold“. Denn ein mutierter grüner Wüstengecko steckte hinter der globalen Krise, bei der die Mächte um nichts weniger kämpften als um unerschöpfliche Energiereserven. Mit unscharfem Bildmaterial und der Machart einer seriösen Wissenschaftsdokumentation liefert die Filmemacherin und Art Direktorin eine neue und satirisch bissige Variante des düsteren Kapitels der US-Geschichte und gewann damit den dritten Preis der Filmtage Rüsselsheim.

Ein origineller Einfall liegt auch dem Kurzfilm „Lokalkolorit“ von Patrick Wild zugrunde. In der Sachsenhäuser Kneipe „Alte Liebe“ in Frankfurt gedreht, hat er ein echt lokales Thema: den Fußballverein Eintracht-Frankfurt. Henni Nachtsheim (Badesalz) und Lars Niedereichholz (Mundstuhl) sind mit Leib und Seele Eintracht-Frankfurt Fans und entwickeln den aberwitzigen Plan, die ständig wechselnden Spieler mit Frankfurter Begriffen zu charakterisieren. So wird ein älterer Spieler „Alte Oper“ getauft, ein Kopftorjäger „Henningerturm“, ein untersetzter Spieler schlicht „Fressgass.“ „Der Italiener“ von Gianlucca Vallera widerlegt das Klischee, dass „Italiener die besseren Liebhaber sind“. Gekonnt hat er Szenen aus italienischen Kultfilmen der 60er Jahre mit Marcello Mastroianni in seine Eifersuchtsgeschichte geschnitten und zeigt, dass heute nichts mehr so ist, wie im Film.

Um Vorurteile, und wie wenig man sich oft davon freimachen kann, geht auch bei Dietrich Brüggemanns „ONE SHOT“ und bei Dejan Simonovics „Politisch Korrekt“. Sie zeigen, was passiert, wenn ein Muslime im Lokal seine Tasche liegen lässt oder Personen mit unterschiedlichem Migrationshintergrund einen Film zusammen drehen.

Die überbordende Bildsprache von Erik Schmitt und Stephan Müller wurde von den insgesamt 1350 Besuchern mit dem zweiten Preis belohnt. „Nashorn im Galopp“ heißt ihr Film, der weniger satirisch als vor allem fantasievoll und surreal den Reifungsprozeß eines jungen Mannes erzählt, der einer schönen Frau seine Liebe erklären will. Weil sie der Ansicht sind, dass über das Echte auch echte Emotionen vermittelt werden haben die beiden Filmemacher gegen den Trend computeranimiert zu arbeiten, eine enorme Bastelarbeit in ihren Film gesteckt.

Eine ganz anders gefilmte Liebesgeschichte ist der stille Kurzfilm „Die letzte Grenze“ von Daniel Butterworth. Seine erste Regiearbeit ist ein sorgfältig ausgestatteter, melancholischer Film, der er in einer altmodischen Zeit stehengeblieben zu sein scheint und dessen feine Satire leider nicht für einen Preis beim Publikum gereicht hat.

Publikumsrenner war der mit 20 Minuten längste Film des Abends „Offline“ von Benjamin Lenz und Ian Bowa. Der mit 5000 Euro dotierte Preis der Rüsselsheimer Filmtage hat nun die Kosten des aufwendigen Films wieder wett gemacht. Als Abschlussfilm an der FH Dortmund in Deutschland und Kanada gedreht, entwickeln die beiden Regisseure richtig großes Katastrophenkino: Der pubertäre Kevin soll seiner Oma das Internet erklären und lässt sie mit einem rudimentärem Halbwissen zurück. Was passiert ist der Super-GAU für Internet-Junkies: das World Wide Web bricht zusammen. Wie das permanente Online-Sein unser Zusammenleben und menschliches Miteinander beschneidet, erzählt dieser Spielfilm mit solcher Leichtigkeit, dass die bittere Wahrheit darin erst im Nachhinein spürbar wird.

© Julia Reichelt, im Auftrag für das DARMSTÄDTER ECHO

 

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