Ab 12. September 2020: TRAUTES HEIM im Rahmen der 11. Darmstädter Tage der Fotografie

42Andy Kassier - work out - 2018

Andy Kassier, work out 2018, Copyright Künstler

Mit der Themenausstellung TRAUTES HEIM beteiligt sich das Kunstforum der TU Darmstadt an den 11. Darmstädter Tagen der Fotografie und präsentiert mit ca. 90 fotografischen Arbeiten internationaler Künstlerinnen und Künstler an mehreren Ausstellungsorten im städtischen Raum und im Konsum Mathildenhöhe einen Beitrag zum diesjährigen Schwerpunktthema „Skurrile Fluchten – Humor in der Fotografie“.

Vernissage: Samstag, 12. September, 18 Uhr auf dem Friedensplatz

TRAUTES HEIM vereint internationale Stars der Fotokunstszene wie Erwin Wurm (AUT), Ren Hang (CH) oder die Pioniere der inszenierten Fotografie Anna und Bernhard Blume und zeigt erstmals in Deutschland AdeY (GB), Pixy Liao (CH), Alexej Shlyk (BLR) und die finnische Künstlerin Iiu Susiraja.

Die Auswahl der an der Ausstellung TRAUTES HEIM beteiligten Künstlerinnen und Künstler zeigt eine Bandbreite künstlerischer und humorvoller Reaktionen auf das „traute Zuhause“. Aktueller denn je geht es um existentielle Fragen: Wer bin ich und wie will ich leben?

Reduziert auf die eigenen vier Wände rückt das Nachdenken über sich und die Welt in den Vordergrund – und öffnen sich vielleicht Chancen für Veränderung. In TRAUTES HEIM wird das eigene Zuhause zur unkonventionellen Projektionsfläche unterschiedlicher Auseinandersetzungen: mit sich selbst, der eigenen Vergangenheit oder Herkunft – oder mit dem Partner. Das traute Zuhause dient als Refugium und Schutzraum, in dem sich – von der Fantasie beflügelt – skurrile Fluchtmöglichkeiten ergeben.

TRAUTES HEIM Künstler*innenauswahl

 

Erwin Wurm, Indoor and Outdoor sculptures Cahors, 1999, c-print,© VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Erwin Wurm, Indoor and Outdoor sculptures Cahors, 1999, c-print,© VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Erwin Wurm zählt zu den erfolgreichsten Gegenwartskünstlern. Die Frage seines Lebens lautet: Was ist eine Skulptur? Oder anders: Wo liegen die Grenzen der Skulptur? „Kann der Begriff der Lächerlichkeit eine Skulptur sein? Kann der Begriff der Peinlichkeit eine Skulptur sein? Darüber denke ich seit Jahren nach.“. (Erwin Wurm)

Seit Jahrzehnten arbeitet er an einem vielschichtigen Werk, das sich mit Erweiterung der Begriffe Plastik/Skulptur umschreiben lässt. Sein Werk umfasst Materialskulpturen, Aktionen, Videos, Fotos, Zeichnungen und Bücher. Neben Fotografien u.a. aus der „Dark Serie“ (Polaroids, 2018), der „Nudelskulpturen“ (2016) wird in der Ausstellung TRAUTES HEIM seine berühmteste Videoprojektion „Am I a house?“ (2005) zu sehen sein.

 

Anna und Bernhard Blume, Ein psychopathetischer Vorgang aus Trautes Heim, Copyright VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Leihgabe der Deutsche Börse Fotografie Foundation

Anna und Bernhard Blume, Ein psychopathetischer Vorgang aus Trautes Heim, Copyright VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Leihgabe der Deutsche Börse Fotografie Foundation

Auch in der Fotoserie „Trautes Heim“ (1985‒1990) von Anna und Bernhard Blume geht es um den Umgang mit Alltäglichem in den eigenen vier Wänden: Hier ist es die als Hausfrau verkleidete Künstlerin Anna Blume, die samt dem Hausrat ihren Halt verliert. Erst fliegt das Küchenmobiliar wie von Geisterhand durch die Luft, später sogar die Hausherrin vom Stuhl. Die unverwechselbaren Bildgeschichten des Künstlerpaars sind voller Witz, Verrücktheit und Ironie. Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen parodieren tradierte Rollen des kleinbürgerlichen Lebens. Sie sind angelehnt an Ideen von Dada, aber auch von Fluxus.

Der chinesische Fotograf Ren Hang (*1987 in Chang Chung, †2017 in Peking) spielt neben Dada und Surrealismus mit der zeitgenössischen Kunst. Seine analogen Fotografien erzählen in einer humorvoll-verspielten Bildsprache von Gefühlen, Sehnsüchten, Ängsten und von der Einsamkeit einer jungen Generation in China. Sie stehen symbolhaft für deren Rebellion gegen die Konventionen eines restriktiven kommunistischen Regimes, in dem Nacktheit sowie sexuelle Freiheit bis heute unter staatlicher Zensur und Kontrolle stehen.

Pixy Liao, aus der Serie Experimental Relationship, Relationships works best when each partner knows their  proper place, 2019, Copyright Künstlerin

Pixy Liao, „Relationships works best when each partner knows their proper place“, 2019, Copyright Künstlerin

 

Pixy Liao, „Relationships works best when each partner knows their proper place“, 2019, Copyright Künstlerin

In ihrer 2007 begonnenen Serie „experimental relations“ spielt die in Shanghai geborene Pixy Liao mit dem Verständnis von Männlichkeit und Weiblichkeit in Beziehungen. „Als Frau, die in China aufgewachsen ist, dachte ich immer, ich könnte nur jemanden lieben, der älter und reifer ist als ich, der mein Beschützer und Mentor sein kann. Dann lernte ich meinen jetzigen Freund Moro kennen. Da er fünf Jahre jünger ist als ich, hatte ich das Gefühl, dass sich das ganze Konzept von Beziehungen verändert hat, und zwar auf ganzer Linie. Ich wurde zu einer Person, die mehr Autorität und Macht hat. Einer meiner männlichen Freunde fragte mich sogar, wie ich mir einen Freund so aussuchen könne, wie ein Mann sich eine Freundin aussuchen würde. Ich begann, mit dieser Beziehung zu experimentieren. Ich arrangierte alle möglichen Situationen, in denen Moro und ich auf den Fotos auftreten sollten. Meine Fotos erkunden die alternativen Möglichkeiten heterosexueller Beziehungen. Sie stellen die Frage, was die Norm heterosexueller Beziehungen ist. Was wird passieren, wenn Mann und Frau ihre Geschlechts- und Machtrollen tauschen? Da mein Freund Japaner ist und ich Chinesin bin, beschreibt dieses Projekt auch eine Liebes- und Hassbeziehung. Dieses Projekt ist ein fortlaufendes Projekt, das mit unserer realen Beziehung wächst, aber nie als Dokumentation gedacht ist.“

>Dieses Zitat liegt uns bereits auf Englisch vor und muss nicht übersetzt werden.

Im Rahmen der Ausstellung TRAUTES HEIM wird Pixy Liao erstmals in Deutschland gezeigt. Sie ist Preisträgerin des Stipendiums der New York Foundation for the Arts, der Santo Foundation Individual Artist Awards, des Jimei x Arles International Photo Festival Madame Figaro Women Photographers Award, des En Foco’s New Works Fellowship und der LensCulture Exposure Awards.

Iiu Susiraja, Lovely wife, 20018, Copyright Künstlerin

Iiu Susiraja, Lovely wife, 2018, Copyright Künstlerin

Auch die finnische Künstlerin Iiu Susiraja stellt sich auf ganz persönliche Weise dar: mit alltäglichen Accessoires in den absurdesten Posen in den eigenen vier Wänden inszeniert sie eigenwillige „Selfies“. Mit circa 15 Fotografien wird die Künstlerin erstmals in Deutschland in diesem Umfang gewürdigt.

“Ich trete selbst in meinen Bildern auf. Das ist praktisch, denn ich bin immer verfügbar und kann mich allen möglichen Sachen unterziehen”,sagt die Künstlerin. Man könnte vermuten, dass sie es auf eine Erwin-Wurm-artige Witzigkeit abgesehen hat, aber dagegenspricht, dass Susirajas Fotos immer auch ein wenig traurig wirken. Es ist eher der dead-pan-humor, der für die Komik sorgt, die Bilder aber auch ein wenig unheimlich wirken lässt. Sie schaut direkt in die Kamera und fordert Blickkontakt, während sie mit Accessoires posiert: mit einem Regenschirm, High-Heels, einer Schere, Kissen, Kuchen, Fischen. Susiraja weiß, dass ein guter Komiker Requisiten braucht: “Es fängt alles mit dem Objekt an. Komischerweise denken die Leute, ich wollte Schönheitsideale kritisieren oder irgendwelche sozialen Probleme ansprechen. Ist aber nicht meine Absicht.” (Quelle: Monopol Magazin, Text: Philipp Hindahl, 21.3.2019)

Alexej Shlyk, The chicken house, aus der Serie THE APPLESEED NECKLACE (Belgium, Belarus, 2016-2018) Copyright Künstler

Alexej Shlyk, The chicken house, aus der Serie THE APPLESEED NECKLACE (Belgium, Belarus, 2016-2018) Copyright Künstler

 

In TRAUTES HEIM wird das eigene Zuhause zur unkonventionellen Projektionsfläche unterschiedlicher Auseinandersetzungen. Nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit der eigenen Herkunft, beispielsweise bei Alexey Shlyk. Der 1986 in Minsk, Weißrussland, geborene, bereits mehrfach preisgekrönte Künstler inszeniert in seiner jüngsten persönlichen Arbeit “The Appleseed Necklace“ Erinnerungen an die einst vorherrschende DIY-Kultur in seiner Heimat, die sich in seiner frühen Kindheit entwickelt hat. Inspiriert vom Einfallsreichtum und handwerklichen Geschick der Menschen, die unter Bedingungen ständiger Knappheit leben, entdeckt er darin eine gewisse Schönheit und re-inszeniert alltägliche Dinge seines Zuhauses, um sichtbar zu machen, wie die postsowjetische Gesellschaft heute funktioniert.

AdeY, Portrait Sweden, 2016, Copyright Künstler

AdeY, Portrait Sweden, 2016, Copyright Künstler

Der ehemalige Tänzer und Choreograph AdeY verwendet den Körper als Mittel, um Momente der Intimität, der sozialen Unterdrückung, der Isolation, der Angst und Depression auszudrücken. In seinen inszenierten Fotografien bewegt sich der schwedisch-britische Künstler zwischen Fotografie und Performance.

AdeYs Werke sind politisch motiviert und erkunden, wie die Gesellschaft definiert, wer wir sind und wie wir wahrgenommen werden. Das Recht der Menschen auf Unterschiede treibt die Bilder des Künstlers an. Humorvoll und experimentell visualisieren sie unsere Verwundbarkeit, Einsamkeit und unsere Stärken.

Andy Kassier, just swinging, 2019, Copyright Künstler

Andy Kassier, just swinging, 2019, Copyright Künstler

Andy Kassier beleuchtet sarkastisch und ironisch Konzepte von Erfolg, Reichtum und Selbstdarstellung im Internet und dort speziell auf den Social-Media-Seiten. So posiert er beispielsweise mit teuren Autos vor amerikanischen Luxusvillen oder inszeniert sich dandyhaft im Swimmingpool, um ein Jet-Set-Leben zu fingieren, dass es in der Realität nicht gibt. Bekannt wurde er durch seine andauernde Performance „success is just a smile away“, die er seit 2013 auf Instagram betreibt.

TRAUTES HEIM – 12. September bis 15. November 2020
Eine Ausstellung im öffentlichen Raum und im Konsum Mathildenhöhe
Eröffnung: Samstag, 12. September 2020 18 Uhr auf dem Friedensplatz

Beteiligte Künstlerinnen und Künstler: AdeY (Vereinigtes Königreich), Anna und Bernhard Blume (Deutschland), Ren Hang (China), Andy Kassier (Deutschland), Pixy Liao (China), Alexej Shlyk (Weißrussland), Iiu Susiraja (Finnland), Erwin Wurm (Österreich).

Die Ausstellung TRAUTES HEIM wird kuratiert von Julia Reichelt, Leiterin des TU Kunstforums und findet im öffentlichen Stadtraum sowie im Konsum Mathildenhöhe, Pützerstr.6, 64289 Darmstadt statt.

Der Kulturfonds Frankfurt RheinMain fördert das Festival Darmstädter Tage der Fotografie als eine von drei Triennalen in der Rhein-Main-Region. Damit betont der Kulturfonds die Bedeutung der zeitgenössischen Fotografie für die Region.

Mit Leihgaben von Deutsche Börse Fotografie Foundation

Mehr Informationen unter www.tu-darmstadt.de/kunstforum und www.dtdf.de

 

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