Die Biennale für Fotografie – bis 26. April 2020 in Mannheim – Ludwigshafen – Heidelberg

Clare Strand, from the series Snake, 2017, Copyright artist

„The lives and loves of images“ ist das Motto der diesjährigen Biennale für aktuelle Fotografie. Es ist neben den Darmstädter Tagen der Fotografie und der Fototriennale RAY mit einem Budget von ca. 600.000 Euro das größte Festival der Rhein-Neckar-Region und verbindet mit sechs Ausstellungen die Städte Ludwigshafen, Mannheim und Heidelberg. Der britische Künstler und Kurator David Campany hatte Carte Blanche für alle beteiligten Ausstellungshäuser und bespielt sie mit rund 400 Werken von siebzig Künstlerinnen und Künstlern. Das klingt nach Masse, die schwer zu bändigen ist.

Doch mit feinem Gespür für sinnliche, tiefgründige Arbeiten, die zum Teil erst nach und nach ihren vollen Reiz entwickeln, ist immer wieder der rote Faden zu entdecken: Es ist die Liebe zur Fotografie, zu ihren Möglichkeiten und Grenzen. Klar sollte man auch misstrauisch sein und nicht allem Abgebildeten trauen, gibt er bei seiner Einführung zu bedenken, doch für ihn gibt es nur die Liebe fürs Bild. Das klingt erstmal recht banal, doch nach dem Besuch aller sechs Ausstellungen ist genau das zum fundamentalen Erlebnis geworden. Das ist wirklich eine amour fou, die David Campany hier auslebt. Und eine solche Fülle an inspirierenden, assoziativreichen Fotoarbeiten zu erleben ist beglückend. Im Heidelberger Kunstverein ist es der fotojournalistische Blick in die Archive von Nachrichtenredaktionen. „Yesterday´s News Today“ benennt das aktuelle Interesse an Zeitungsfotografie. Drei Fotoarchive regionaler Tageszeitungen wurden im Vorfeld durchforstet, analoge Abzüge aus den 1950er bis 1990er Jahren nach Schlagworten sortiert. Da erscheint bei „C“ nach „Camping“ das Wort „Christo“ und zeigt dessen allererste Verhüllungsaktion, die in Heidelberg stattfand, erschienen 1969 in einer der Zeitungen. Thomas Ruff verbindet in seiner Serie „press++“ (2016) die Vorder- und Rückseite von Unfall-Aufnahmen. Sebastian Riemer übermalt und verändert in seinen großformatigen Schwarz-Weißfotografien historische Nachrichtenfotos, die er im Internet ersteigert hat. Eine auf den ersten Blick elegante „Ballerina (Alma), 2015“, entpuppt sich beim näheren Hinsehen als seltsam übermalt, ein Arm fehlt.

Genau hinschauen und selbst für sich herausfinden, welche Arbeiten persönlich ansprechen und sich dann fragen, warum das so ist – das ist der didaktische Zeigefinger von David, der sich durch die ganze Biennale zieht. Bewusst verzichtet er daher auf Bildetiketten, gibt keine Informationen oder Begleittexte zur Hand, diese findet man nur im Katalog. Er wirft die Besucherinnen und Besucher auf sich selbst und die eigene, subjektive Wahrnehmung zurück. „Kunst stellt Fragen und gibt keine Antworten“, riegelt er mit britischem Charme ab.

Wie assoziativ er bei seiner Auswahl vorgegangen ist, wird vielleicht am deutlichsten im Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen, wo „When Images Collide“ zu sehen ist. Die Gradwanderung zwischen assoziativ und beliebig wird durch die Zeit, die man sich fürs genaue Hinschauen nimmt gelöst – und diese Zeit muss man sich nehmen. Dann sind visuelle Schätze zu entdecken, wie die überraschenden Schichtungen in den Fotografien von Martina Sauter oder die feinen Details in der absurden „Drape“ Serie von Eva Stenram. Mit einem Skalpell bearbeitet und verändert Kensuke Koike vorgefundene Aufnahmen und kreiert ganz ohne Photoshop virtuose surreale Szenerien.

Die Auseinandersetzung mit dem Digitalen ist in der Biennale unaufdringlich, findet sich etwa in der Videoprojektion „KING“ von David Claerbout, einem 3D-Modelling von Elvis Presley. Sie ist in der Schau „Reconsidering Icons“ im Museum der Weltkulturen D5 der Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim zu sehen und entstand nach einer Fotografie, die Alfred Wertheimers von Elvis Presley gemacht hat, zu einem entscheidenden Zeitpunkt. Es ist das letzte Foto eines Unbekannten, danach wurde er berühmt. Bildikonen werden wieder erlebbar wenn mit ihnen überraschend umgegangen wird, das wird auch durch die Arbeiten des Künstlerduo Cortis & Sonderegger deutlich. Sie bauen in ihrem Züricher Studio gezielt ikonische Fotos nach und betten sie in das Chaos ihres Ateliers. So gelingen überraschende und berührende Aufnahmen wie „Making of „Barschel in Bathtub“ (by Sebastian Knauer, 1987“ (2020) oder bei der Bearbeitung des „Falling soldier“ (1936) von Robert Capa. Diesem Motiv widmen sich auch Max Pinckers & Sam Weerdmeester in „Controversy“ (2017). Sie lösen mit ihrer Darstellung einer spanischen Landschaft eine Debatte über die Wahrhaftigkeit der Fotografie aus: Dort soll, neueren Studien zufolge, das Capa-Foto entstanden sein. Was bedeuten würde, dass Robert Capa sein Foto manipuliert hat. Die These, dass wir Kunst meist als Reproduktion wahrnehmen, steht hinter der Ausstellung im Kunstverein Ludwigshafen. Irgendwann lande alle Kunst erst im Museum, dann im Buch, hat André Malraux in seinem Essai „Le musée imaginaire“ 1947 zusammengefasst. „All Art is Photography“ ist der daraus abgeleitete provokative Titel dieser Schau. Kunst wird nicht nur oft durch ihr fotografisches Abbild erlebbar, sondern sogar ins Postkartenformat gepresst, für den Museumsshop und als nettes Andenken. Claudia Angelmaier passt in ihrer Serie „Arbeiten auf Papier“ (2008) die Größe auf das Original des jeweiligen Werkes an, auch wenn sie lediglich die Rückseite der Postkarten zeigt. Das eigentliche Motiv bleibt verborgen, schimmert nur als Schatten durch. Die Fotografien von Ewa Monika Zebrowski halten die Innenräume des römischen Hauses, in dem Cy Twombly lebte fest und gehen weit über das Dokumentarische hinaus. Sie zeugen eher von Abwesenheit, Verlust und von der Flüchtigkeit des Seins. Wo verläuft die Grenzen von Fotografie und Werbung? In den 20er, 30er Jahren war Kunst und Kommerz meist miteinander verbunden, verdiente Man Ray etwa mit Werbefotografie seinen Lebensunterhalt während er seine berühmten surrealistischen Fotos machte. In der Ausstellung „Between Art and Commerce“ im Port25 wird erstmals der Werbefotograf Hein Gorny als künstlerischer Fotograf mit hochwertigen Fotos vorgestellt, die in den 30er Jahren entstanden sind. Daniel Stier gab Fotos zur Auswahl, bei denen er bewusst vorenthielt, welches Werbefoto und welches ein künstlerisches Foto ist. So entsteht eine Rauminstallation, die unvoreingenommen betrachtet werden kann. Auch bei dem niederländischen Künstlerpaar Scheltens & Abbenes sind die Übergänge zwischen Produktwerbung und Kunst fließend, ihre stark farbigem Arbeiten beleben die kühle Betonatmosphäre des Ausstellungsraums.

Herzstück der Biennale jedoch ist „Walker Evans Revisited“ in der Kunsthalle Mannheim. Drei Säle werden diesem „zeitgenössischsten aller berühmten Fotografen des letzten Jahrhunderts“ (David Campany) gewidmet. Auf rund dreißig Fotografien von Evans selbst reagieren 19 zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler auf vielfältige Weise. Manche setzen seine Alltagsfotografie fort mit einem sensiblen Blick für das Randständige wie Ute und Werner Mahler in ihrer Serie „Kleinstadt“ (2015-18), George Georgiou in „Americans Parade“ (2016) oder Vanessa Winship in „She dances on Jackson“ (2011-12) als sie auf den Spuren von Evans in Amerika unterwegs war.

Stephen Shore und Lisa Kereszi reagieren mit einnehmenden Farbfotografien durch die präzise Beobachtung von Details. Julia Curtin rückt das Kleid von Allie Mae Bourroughs in den Fokus, die Evans 1936 fotografierte – eins seiner berühmtesten Portraits. Sie rekonstruiert es nach und fotografiert es als Solitär ganz erhaben in Schwarz-Weiß. Auch Patrick Pound kreiert seine assoziative Installation aus gefundenen Postkarten und Fotografien um ein Motiv von Evans: das Hotel The Cliff House bei San Francisco.

So subjektiv und vielschichtig die Auseinandersetzung auch ist, Walker Evans bleibt die Basis, was visuell auch durch die Hängung unterstrichen wird. Seine Arbeiten hängen an den Säulen der weitläufigen Hallen. Evans Interesse für das pure Alltägliche, für das Randständige und eben nicht Glamouröse ist das Bestrickende dieser Ausstellung, die das Thema der Biennale noch einmal so variantenreich aufgreift – Die Liebe und das Leben der fotografischen Bilder.

Julia Reichelt, für das Darmstädter Echo, 4. März 2020

Vanessa Winship_She Dances on Jackson3 Vanessa Winship_She Dances on Jackson2 Steffi Klenz_Staffages (Beiwerk) Kereszi- hand 001 Kereszi- eye door 001 JC_03.tif Cortis&Sonderegger_Barschel in Bathtub

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