Compagnie Philippe Saire CUT

Cie Saire CUT, © Philippe Weissbrodtsbrodt

Zuschauerraum und Bühne sind in der Mitte durch einen blickdichten Vorhang getrennt. Zwei Seiten einer Geschichte werden parallel erzählt. Das Publikum sieht erst nur die eine Seite, hört gleichzeitig, dass auf der anderen Seite etwas passiert. Nach der Pause werden die Seiten gewechselt, wird die Geschichte komplett und ergeben die Geräusche die man zuvor nicht zuordnen konnte, einen Sinn. Das ist die Grundidee Philippe Saires Choreographie „CUT“, die am 10. und 11. Februar in den Kammerspielen zu sehen war. Das Zweigeteilte der Bühne findet sich in der Choreographie auch inhaltlich wieder: auf der einen Seite das Kollektiv, das verlorene Paradies, auf der anderen Seite die Unsicherheit, die Abreise. Eine Bühnenseite ist ganz leer und schwarz, die andere voller weißer Kartons.

Der in Algerien geborene Choreograph mag die Konstruktion, die Mathematik, wie er im Anschluss an die Vorstellung dem Publikum erzählt. Und dass er eine Hypnose gemacht hat, um noch näher an die Bilder seiner Kindheit heranzukommen. Als er mit fünf Jahren Algerien verlassen musste und diesen „Schnitt“ biographisch erlebte.

Das Kollektiv tanzt die Lebenslust in einem fiktiven Volkstanz, betont ausgelassen zu arabischen Klängen eines Ghettoblasters. Auf der anderen Seite bilden weiße Kartons erst eine Mauer, als sie zusammenfallen einen Trümmerhaufen, unter denen ein Tänzer wie verwundet daliegt.

Das Pas de Deux mit dem er halb fallend und instabil aufgerichtet und geborgen wird, drückt seine prekäre Lage aus. Ein Sinnbild für die Einsamkeit und Unsicherheit ist er später ganz nackt, entblöst und ungeschützt. So ergeben sich starke Bilder, die auch politisch gedeutet werden könnten und an Kriegsschauplätze wie Aleppo erinnern oder an Alger, die „weisse Stadt“.

Wenige Requisiten reichen aus um eine Fülle an Bildern hervorzurufen: Kartons, Kleider, eine bunte Lichterkette.

Wie ein Diptychon baut Philippe Saire mit seinen fünf Tänzern die beiden Szenen zu einer offenen Geschichte. Während auf der einen Seite die Party steigt, spielt sich auf der anderen das existentielle Drama ab. Dass man diese beklemmende Diskrepanz allein schon durch die Geräusche erahnt, auch wenn noch nichts zu sehen ist, gibt dem Abend die Doppelbödigkeit. So kommt zu den zwei Seiten der Geschichte auf der Bühne noch eine dritte: die Geschichte, die sich im eigenen Kopf abspielt.

 

Philippe Saire (1957 in Algerien geboren) gründet 1986 seine Compagnie. Er gilt in der Schweiz als Schlüsselfigur des zeitgenössischen Tanzes. Sein neunzig minütiges Stück CUT hat er während einer Residenz im September 2016 in Darmstadt entwickelt. Am 28.3.2017 haben seine beiden Duette NEONS (NEVER EVER, OH! NOISY SHADOWS) / VACUUM aus der Tanzperformance-Reihe „Dispositifs“ im Staatstheater Mainz Premiere.

©  Julia Reichelt, für das Darmstädter Echo, 14.2.2017

 

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