Candoco Dance Company Beheld / Set-Reset

candoco 2Der erste Moment ist befremdlich: auf der Bühne Unterarm- oder Beinamputierte zu sehen, die tanzen, ist nicht gerade alltäglich. Von den sieben Tänzerinnen und Tänzern der Candoco Dance Company sind vier körperlich eingeschränkt. In Alexander Whitleys Choreographie „Beheld“ dient ein schwarzes Tuch als verbindendes Element, zur hypnotischen Minimalmusik von Nils Frahm verschwindet der Unterschied jedoch schnell zwischen körperlich beeinträchtigten und nicht beeinträchtigten Tänzern. Akrobatisch, präzise und athletisch ist das, was sie auf der Bühne zeigen. Das Tuch wird zum narrativen Element, grenzt aus, wird zum Tau, an dem kräftemessend gezogen wird oder zu einem Geflecht, aus dem man nicht ausbrechen kann. Am Schluss wird es riesengroß zur schwarzen Welle, die über die Tänzer hereinbricht.

In der vergangenen Spielzeit war Alexander Whitley Artist in Residence im Staatstheater Darmstadt und hat damit experimentiert, wie Licht in Bewegung zu übertragen ist. Auch in „Beheld“ spielt die Lichtchoreographie eine Rolle: als Tanja Erhard in einem poetischen Moment des Stücks mit dem Vorhang und den dahinter aufscheinenden Lichtern interagiert. Bewegung ist nicht nur auf den Körper reduziert, sondern alles was ihn umgibt, kann dazugehören. Auch Krücken oder ein Rollstuhl.

Mit dem zweiten Stück des Doppelabends „Set and reset / Reset“ setzt die in London ansässige Candoco Company auf eine Neuinszenierung des 1983 entstandenen Stücks der amerikanischen Choreographin Trisha Brown zur Musik von Laurie Anderson. Seit seiner Entstehung aus Workshops für an der Wirbelsäule verletzte Tänzer vor 25 Jahren sind 50 Produktionen für das Candoco-Ensemble entstanden. Fast ausschließlich von namhaften Choreographen. Die zugrunde liegende zweieinhalb minütige Bewegungsabfolge von „Set and reset“ wird von jedem der Tänzer immer wieder durchgespielt und an immer wieder anderen Stellen improvisiert – genau so, wie es in der ursprünglichen Fassung der Fall ist. Spätestens hier wird eindrücklich klar: Hier tanzt keine inklusive Gruppe, sondern eine beeindruckende Tanzkompanie.

Copyright Julia Rechelt, für das Darmstädter Echo 7.11.2016

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