Offene Probe: Grenzgänger von Marcos Morau und Damien Jalet

DamienJalet THR(O)UGH, Copyrights © Bettina Stöß

Was für eine Rolle kann Kunst in der heutigen Welt voller Chaos und Katastrophen noch einnehmen? Das ist die Frage, die sich Marcos Morau in seiner neuen Uraufführung „ARIADNA“ für das Hessische Staatsballett explizit stellt. Und die aber genauso auch für den zweiten Part des Ballettabends „THR(O)UGH“ von Damien Jalet gilt. Bei der Offenen Probe zum Doppelabend „Grenzgänger“ gelingt bereits ein eindringlicher Einblick in diese zwei sehr unterschiedlichen Choreographien. Die Premiere ist kommenden Donnerstag um 19.30 Uhr im Kleinen Haus.

Mit „Weltenwanderer“ begann die Spielzeit des Hessischen Staatsballett und zeigte die Vielfalt tänzerischer Welten, ebenso selbstredend mit dem Titel „Grenzgänger“ endet sie. Grenzen auszuloten, zu sehen, was passiert, wenn sie überschritten werden – diesem Thema widmen sich die Choreographen, die beide auch interdisziplinär arbeiten. Der Katalane Marcos Morau war in der vergangenen Spielzeit Residenz-Künstler in Darmstadt, hat hier bereits sein Stück „Voronia“ vorgestellt. Selbst kein Tänzer, studierte er Choreografie in Barcelona, Valencia und New York und gründete 2005 zusammen mit Künstlerinnen und Künstlern aus den Bereichen Tanz, Film, Fotografie und Literatur das Kollektiv La Veronal. Welche Rolle spielt die Kunst in der heutigen Zeit, diskutiert er mit Ballettdramaturgin Josefine Sautier bei der Offenen Probe. Dass Kunst reflektiert und mutig sein soll, will er in „ARIADNA“ zeigen. Einen Einblick in seine hoch komplexe, artifizielle Bewegungssprache, die schon in „Voronia“ zu sehen war, zeigt Moraus anhand von drei szenischen Fragmenten. „Kova“ nennt er diesen Tanzstil, den er mit seinem Kollektiv entwickelt hat und der körperlich an die Grenzen der Tänzer geht. Für die Vermittlung dieser Art von Bewegung nimmt er sich immer drei Wochen Zeit, wenn er mit einem neuen Ensemble zusammenarbeitet, wie er im Gespräch erzählt. Damit sie sie verstehen und damit experimentieren können, denn auch „ARIADNA“ ist als Kollektivarbeit zusammen mit den Tänzern entstanden. Um die große Skulptur der schlafenden Ariadne herum wird sich der Diskurs über die Rolle von Schönheit und Kunst in der heutigen Zeit abspielen. Der geschlossene Raum der Schönheit wird dem Chaos draußen, oder der „fucking world“ gegenüberstehen, wie sich Moraus ausdrückt. Er zitiert auch den französischen Schriftsteller Michel Houellebecq, der von der Kunst fordert, dass sie konfrontativ sein muss und eine zusätzliche Ebene liefern sollte. Kunst bietet eine Möglichkeit, anders über die Gesellschaft zu sprechen und die heutige Zeit zu reflektieren.

Und das betrifft ganz persönlich und dramatisch auf den belgischen Choreografen und Performer Damien Jalet zu, der am 13. November 2016 in Paris um Haaresbreite selbst Opfer der Anschläge geworden wäre (wir haben berichtet). Auch wenn an diesem Samstagvormittag im Kleinen Haus vielleicht bewusst nicht davon die Rede ist. Vielmehr vermittelt Jalet dem Publikum, wie er sein Stück „THR(O)UGH“ aufbaut und strukturiert. Seit 2000 ist er enger Mitarbeiter und Co-Choreograf von Sidi Larbi Cherkaoui, Direktor des königlichen Balletts Flandern, der mit seiner Produktion „Fractus V“ Anfang Mai in Darmstadt zu Gast war. Ausgangspunkt der Choreographie „THR(O)UGH“ sind die Bewegungen von Crashtestdummies. Die Körperlichkeit dieser lebensgroßen Gliederpuppen, die zu Testzwecken extremen Gewalteinwirkungen ausgesetzt werden, wird von den Tänzerinnen und Tänzern nachempfunden. Die Gefahr kommt von Außen – wie Dummies bewegen sie sich unter großem körperlichen Einsatz, als ob eine große Gewalt auf sie einwirkt. Jalet zeigt erst, wie einzelne Tänzer dies in Bewegung umsetzen, dann steigert er die Form zum Duo, indem der zweite Tänzer die Negativräume des ersten Tänzers wiederum für seine Bewegung ausnutzt. Wieviel persönlicher Spielraum entsteht und mit wieviel unterschiedlichen Zwischentönen die Duette sein können veranschaulicht er an unterschiedlichen Tänzerpaaren. Und wie dann über das Duo und Trio hinaus die pulsierende Choreographie auch als Gruppenszene mit dem ganzen Ensemble funktioniert. Noch beklemmender wird der über der Szenerie schwebende bedrohliche Ausnahmezustand des Terrors, wenn sich unter den Elektrosound leise das Geräusch von Gewehrsalven mischen.

Dass Kunst auch als Katalysator funktioniert und vielleicht sogar heilend wirken kann, wird klar, als Damien Jalet dem Publikum vor dem letzten Szeneneinblick zuruft: „standby, enjoy“.

Copyright Julia Reichelt, für das Darmstädter Echo, 24. Mai 2016

Marcos Morau ARIADNA Copyrights © Bettina Stöß

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