Zum letzten Mal am 29. Januar: Das Leben ist kein Cabaret

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Noch ein Erfolgsmusical: Nach „Hair“ und „Flashdance“ bringt das Staatstheater „Cabaret“ auf die Bühne. Das Stück von John Kander und Fred Ebb über die späten 20er Jahre in Berlin begeistert mit seinem starken Ensemble das Darmstädter Publikum.Da will nicht so recht die Feierstimmung aufkommen, als am Anfang der Conférencier (Michael Pegher) ganz alleine über die leere schwarze Bühne schreitet, das Publikum singend begrüßt und im Hintergrund die Band leise scheppert. „Willkommen“ steht grell leuchtend in Frakturschrift über der Cabaret-Bühne. Von den „beautiful girls“ und dem ebenso schönen Orchester ist allerdings nichts zu sehen. Dieser erste Moment fängt die Stimmung der ganzen Inszenierung von Nicole Claudia Weber ein. Über allem Feiern und Glamour im Berlin der späten 20er Jahre hängt bereits wie ein Damoklesschwert das aufkommende Naziregime. Da kann im Kit-Kat Club noch so wild gefeiert werden. Auch persönliches Glück ist nicht mehr drin. Weder beim Star des Clubs, Sally Bowles (Dorothea Maria Müller) noch bei der ältlichen Zimmerwirtin Fräulein Schneider (Petra Welteroth). Die löst ihre Verlobung, als klar wird, dass der Angetraute Obsthändler (Thomas Mehnert) jüdischer Abstammung ist.

Einen autobiographischen Roman wollte Christopher Isherwood über seine Berliner Begegnungen schreiben, die er während der Jahre 1929 bis 1933 kennenlernte. Zwei Romane sind es letztlich geworden: „Leb wohl Berlin“ und „Mr. Norris steigt um“. „Cabaret“ macht viele dieser Figuren wieder lebendig. Wie seine Wirtin am Nollendorfplatz oder seine britische Freundin Jean Ross, die so wie er nach Berlin gefahren war, um sich neu zu erfinden.

Für ihre Inszenierung hat Nicole Claudia Weber das Musical entkernt und dem Leben Isherwoods noch mehr angenähert – der ging nämlich damals vor allem nach Berlin, weil es das Mekka für Homosexuelle war. So kommt neben Clifford Bradshaw (Markus Schneider) als alter ego des Dichters auch der Stricherjunge Otto (Florian Weigel) vor. Vieles an der von Christopher Tölle choreographierten Nummernrevue erinnert an die berühmte Verfilmung mit Liza Minelli als Sally Bowles: die Choreographie der Songs, die schrillen Girls mit ihren Strapsen, der derbe Humor und das Komödiantische. Aber Tölle setzt eigene Akzente: So lässt er bei der ersten Nummer die Kit Kat Girls wie Schulmädchen mit roten Ranzen auftreten und Sally Bowles macht Pole Dance mit einem Riesenbleistift. Mit Wasserwellenfrisur der zwanziger Jahre und großer Statur ist sie ein ganz anderer Typ als Minelli, als sie „Vielleicht diesmal“ singt, geht es einem aber genauso unter die Haut. Die Drehbühne erlaubt fließende Übergänge der Szenen, die Ausstattung und die Kostüme (Friedrich Eggert Bühne und Kostüme) versetzen mit vielen Details in die damalige Zeit. Weber hat selbst jahrelang als Musicaldarstellerin auf der Bühne gestanden, das merkt man „Cabaret“ an. Und sie versteht es auch, einen eindringlichen Schlußakzent zu setzen. Als am Ende die Musik immer leiser wird und die Szenerie wie zu Beginn ganz am Ende der Bühne stattfindet. Die grelle Willkommensschrift flackert noch einmal auf, dann fällt ein Buchstabe. Die Party ist vorbei.

Copyright Julia Reichelt, für die März Ausgabe der kulturnachrichten

Die nächsten Vorstellungen von „Cabaret“ sind am 11. und 18. März um 19.30 Uhr im Großen Haus.

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