Tanzkrimi „Kaspar Hauser“ des Hessischen Staatsballetts

 Probenfoto aus Kaspar Hauser, Bildrechte Angelika Zwick

Am 13. Februar ist die nächste Premiere des Hessischen Staatsballetts  In dem neuen Ballettabend von Tim Plegge geht es um die wahre, rätselhafte und umstrittene Geschichte des Findelkinds Kaspar Hauser. Die Offene Probe gab erste Einblicke in diesen getanzten Kriminalfall.Diesmal sollte es kein Happy End geben, wie beim letzten Handlungsballet „Aschenputtel“ von Tim Plegge. Aber das war nicht der einzige Grund, weshalb er auf das Thema des neuen Ballettabends kam, wie der Direktor des Hessischen Staatsballetts am Freitag bei der Offenen Probe im Großen Haus erzählte. Er hat ihn direkt im Ballettsaal vor sich gehabt: den amerikanischen Tänzer Tyler Schnese, den er sich sofort als Verkörperung von Kaspar Hauser vorstellen konnte.

Aus zahlreichen Arzt- und Obduktionsberichten, historischen Briefwechseln hat er nun ein Ballett choreographiert, dass durch verschiedene Stationen linear die Geschichte des „rätselhaften Findlings“ Kaspar Hauser erzählt. Auf der Drehbühne mit fast sieben Meter hohen, bewegbaren Wänden, verortet Bühnenbildner Sebastian Hannak die Geschichte. Stark gepixelt zeigt eine Wand das barocke Gemälde „Die Anatomie des Dr. Tulp“ des niederländischen Malers Rembrandt. Es zeigt eine Leiche, die auf einem Tisch liegend obduziert wird. Für Hannak einerseits Sinnbild für das medizinische Interesse an der Person des Kaspar Hauser, andererseits aber auch für dessen Interesse, die Welt um sich herum zu begreifen.

Vermutlich am 30. April 1812 wird der historische Kaspar Hauser geboren. Mit etwa drei Jahren kommt er in ein Kellerverlies, wo er zehn, 15 Jahre gefangen gehalten wird, ohne je einen Menschen zu sehen. Einziges Gegenüber ist sein Spielzeug, ein Holzpferd. Keinerlei körperliche und soziale Erfahrungen kann Kaspar Hauser machen, dafür sind die Sinne geschärft. Erneut verschleppt und in die Zivilisation gestoßen, kommt der junge Mann, der weder sprechen, noch richtig laufen kann, nach Nürnberg. Mit einem Brief in der Hand, auf dem Marktplatz, kann er nur den Satz auswendig, dass er Rittmeister, wie sein Vater werden will. Rettungsanker wird ihm die Pastorenfamilie Daumer. Sie nimmt ihn auf, dort lernt er lesen und schreiben. Durch mysteriöse Umstände wird er nach nur fünf Jahren am 17. Dezember 1833 ermordet.

Bis heute gibt es keine Antwort auf sein rätselhaftes Schicksal. Selbst eine DNA-Analyse gab keine Auflösung und bestätigte nicht die Theorie, dass er womöglich ein entführter Erbprinz war.

„Er ist ein Rätsel und er bleibt ein Rätsel“, sagt Plegge. Für ihn ist das Schicksal des Kaspar Hauser mit seinem Verbrechen an der Seele eines jungen Menschen, der Inbegriff von Einsamkeit.

Choreographisch ist für ihn die Frage hochspannend, wie sich ausdrücken lässt, das Kaspar Hauser mit seinen unterentwickelten Muskeln alle Bewegungen neu lernen und beherrschen muss – und dass verkörpert durch einen Tänzer wie Tyler Schnese, der körperlich alles kann.

Auf der Bühne werden drei weitere Tänzer als Echos von Kaspar Hauser sein inneres Empfinden veräußerlichen und körperlich seine Bewegungen verlängern. Wie ein organisches Ensemble tragen und unterstützen sie ihn, werden aber im Laufe seiner Sozialisierung nach und nach verschwinden.

An ein festliches Kleid der Biedermeierzeit erinnert die rote Festgarderobe, die Kostümbildnerin Judith Adam der Mutter Kaspar Hausers zugedacht hat. Wie Bühnenbildner Sebastian Hannak ist auch sie schon seit Jahren im künstlerisches Kernteam von Plegge, hat auch „Aschenputtel“ ausgestattet. Kontrast zum roten Ballkleid der Mutter ist die ganz in Schwarz weiß gehaltene Garderobe der Bürger in Nürnberg – auch die des humanistisch gesinnten Pastors Daumer. Wenn Kaspar Hauser durch den zwielichtigen Lord Stanhope wie eine seltene Trophäe herumgereicht wird, ist er ausstaffiert wie ein buntes Zirkustier mit Fez auf dem Kopf.

Für den Abend hat Plegge eine Musikcollage erstellt, die von dem zur Zeit Hausers lebenden Komponisten Franz Schubert über Dmitri Schostakowitsch oder Arvo Pärt reicht. Er integriert Musikstücke aus Psychothrillern wie Hitchcocks „Vertigo“ oder „Psycho“ und Horrorfilmen. Wenn Arvo Pärts minimalistisches Orchesterwerk „Wenn Bach Bienen gezüchtet hätte“ zu hören ist, wird die sinnliche Überforderung des auf dem Marktplatz stehenden Kaspar Hauser förmlich spürbar.

Copyright Julia Reichelt, für das Darmstädter Echo 5.2.2016

 

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