Zum letzten Mal am 2.3.2016: Shakespeares “Sturm” im Staatstheater Darmstadt

Der Sturm  © Sandra Then

Wie hängen die Heppenheimer Winzergenossenschaft, ein bayerisch sprechender Trinculo, Miss Piggy und Shakespeares Parabel über Rache und Verzeihung zusammen? Mit seiner Inszenierung des „Kaufmanns von Venedig“ hat vor eineinhalb Jahren die Intendantenzeit von Karsten Wiegand begonnen, im Kleinen Haus hat sich Regisseur Christian Weise mit seinem Team auch Shakespeares „Sturm“ vorgenommen.Prospero, der Herzog von Mailand, wird mitsamt Tochter Miranda von seinem Bruder Antonio vertrieben, erleidet nach einem Sturm Schiffbruch und landet auf einer Insel. Dort macht er sich zum Herrscher und den Luftgeist Ariel und den mißgestalteten Caliban, Sohn der Hexe Sycorax, dienstbar. Die Komödie „Der Sturm“, die aus Shakespeares letzter Schaffensperiode stammt, kommt wie ein Märchen daher, ist ein tief komplexes Gefüge über das Nachsinnen von Kunst und Natur, von Macht und Ohnmacht, von Rache und Vergebung.
Denn zwölf Jahre später werden nun durch einen von Prospero ausgelösten zweiten Sturm die Feinde ans Land gespült, der verhasste Bruder Antonio, der König von Neapel Alonso mit Sohn Ferdinand, Bruder Sebastian und Gefolge. Während sich Ferdinand und Miranda finden und verloben, kämpfen die Anderen um die Macht, mit mehr oder weniger Erfolg. Denn das Feindesteam hängt – aufgereiht in Reih und Glied – wie Marionetten einer Commedia dell’arte von der Decke und sind schon beim ersten Auftritt so in festen Händen von Ariel und Prospero. Bühnen und Kostümbildner Jana Findeklee und Joki Tewes haben die Szenerie auf einem ansteigenden Bretterrund verortet, wie ein Floß, dass bei den Wilden gelandet ist, wie die aufgespießten Köpfe an den Rändern vermuten lassen. Darauf agieren alle Beteiligten, drum herum aber vor allem die Musiker Jens Doble und Falk Effenberger. Die haben eigens für den „Sturm“ ein musikalisches Instrumentarium erfunden aus alten Regentonnen, einer Holzorgel, großen Ratschen und anderen geräuscheproduzierenden Dingen. In einem Berliner Schrebergarten entwickelt und im Staatstheater Darmstadt gebaut. Die vielschichtigen Klänge umhüllen und begleiten das Geschehen auf der Bühnen subtil und spielerisch.
Bernd Grawert gibt die Herrscherfiguren: wütig als Prospero, puppig als Antonio und kölsch redend als Stephano alias Präsident der Heppenheimer Winzergenossenschaft. Christoph Bornmüller ist die wandelbarste Figur des Abends. Als unschuldige Miranda betört er rotgelockt und grellrot gestrumpft durch seine kindliche Naivität, als Trinculo ist er ein Kasperle, dass bayerisch spricht, als Sebastian hängt er in den Seilen. Catherine Stoyan amüsiert als Luftgeist Ariel, leicht sächselnd und nicht immer willfährig führt sie Properos Aufträge aus. Stefan Schuster ist der verunstaltete Caliban, der mit krummem Rücken und böse wie ein Quasimodo wütet, und dennoch klein bei geben muss. Als Königssohn Ferdinand ist er ebenso unschuldig und kindlich wie Miranda. So kurzweilig das Stück über viele Strecken ist, bei so vielen überbordenden Ideen und Einfällen, dass einem schwindlig werden könnte, geht auch dann und wann die Spannung verloren. Die vielen bei Shakespeare angelegten Themen des Stücks und nicht zuletzt die gehaltvolle Sprache werden durch die vielen Gags überlagert. Wenn Stephano wie ein alkoholisierter Bacchus mit Weintrauben im Haar kölsch redet, sein Kumpan Trinculo im Tirolerhut und viel zu großem Karojacket bayerisch antwortet oder Ariel zur feierlichen Verlobungszeremonie von Miranda und Ferdinand zu John Lennons Song „Imagine“ ein Puppentheater aufführt und auf Holzspießen die Köpfe von Che Guevara, Martin Luther King und Miss Piggy erscheinen.
Der Spaß findet jedoch seine Bodenhaftung wieder. Nachdem Prospero fast zwei Stunden vor Rachelust gewütet hat, wird es auf einmal ganz still und ruhig und Regisseur Christian Weise findet einen starken Schluss: Als die puppenhafte Feindesmannschaft nur noch als leere Kostümhülle von der Decke hängt, schlüpft Prospero in jede der feindlichen Rollen und vergibt.

Die nächste Vorstellung des „Sturms“ findet am 9. Februar, 19.30 Uhr im Kleinen Haus statt. Weitere Vorstellungen folgen.

Für die Februarausgabe der Kulturnachrichten, Copyright Julia Reichelt

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>