Frauen zur Zeit des Expressionismus – Eine persönliche Ausstellungsübersicht

Katalogcover Gesamtkunstwerk Expressionismus

 

Seit der Kirchner-Ausstellung im Frankfurter Städel heißt es im ganzen Rhein-Main Gebiet „Phänomen Expressionismus“. Über zwanzig größere und kleinere Ausstellungshäuser und Kulturinstitute beteiligen sich an diesem übergreifenden kunstgeschichtlichem Thema, finanziell unterstützt vom kulturfonds rheinmain. Grund genug, den Blick auf die Rolle der Frau, die vielen Frauenpersönlichkeiten und Künstlerinnen dieser Zeit zu werfen.

Else Lasker-Schülers Bilder im Jüdischen Museum Frankfurt

Wer die bedeutendste Dichterin des Expressionismus Else Lasker-Schüler (1869-1945) noch als bildende Künstlerin erleben möchte, sollte bis 9. Januar die ihr gewidmete Ausstellung in Frankfurt anschauen. Dort sind zur Zeit rund 150 ihrer Zeichnungen zu sehen. Else Lasker-Schüler war als herausragende Lyrikerin bereits im Vorkriegs-Berlin berühmt. Als sie 1903 den Pianisten und Publizisten Georg Levin heiratet, gibt sie ihm den Namen Herwarth Walden und denkt sich den Titel für seine ab 1910 erscheinende Zeitschrift aus: „Der Sturm“. Nach dem Vorbild der legendären „Fackel“ von Karl Kraus in Wien, wird diese Zeitschrift zum wesentlichen Sprachrohr der Avantgarde. Alle wichtigen künstlerischen ZeitgenossInnen veröffentlichen dort Texte oder Gedichte, gestalten die Titelblätter. In den beigelegten Kunstmappen sind Gabriele Münter oder Maria Uhden vertreten, Selma Lagerlöf oder Else Lasker-Schüler veröffentlichen ihre Werke.

Gesamtkunstwerk Expressionismus – Kunst, Film, Literatur, Theater, Tanz und Architektur 1905-1925, Mathildenhöhe Darmstadt

Die umfassendste Übersicht über alle Gattungen der Kunst und über die Künstlerinnen, gibt die aktuelle Ausstellung auf dem Darmstädter Musenhügel. Hier lässt es sich, dank der atmosphärisch gelungenen Inszenierung hervorragend abtauchen in diese Zeit. Das Gründungsdatum der Künstlergruppe „Brücke“ in Dresden im Jahr 1905 und die Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ 1925 in Mannheim geben den Zeitrahmen vor. Bei den Brücke-Malern, allen voran Ernst Ludwig Kirchner ist die Frau in erster Linie Modell und Muse. Der weibliche Akt ist als Inbegriff von Natürlichkeit zentrales Motiv der Malkunst. Die Suche nach Ursprünglichkeit verbindet Kirchner auch mit seinen selbst gestalteten Ateliereinrichtungen. Von ihm entworfene Stoffen mit kopulierenden Paaren oder grob stilisierten, nackten Frauen wie im Südseeparadies entwirft er ebenso wie eigens geschnitzten Möbel. Die Ausführung der entsprechenden Stickereiarbeiten obliegt Kirchners Muse und Lebensgefährtin Erna Schilling, die an seiner Seite die untergeordnete, dem Künstler dienende Rolle einzunehmen hatte. Bei allem Wunsch nach Ursprünglichkeit ging es Kirchner um seine eigenen, patriarchalisch ausgerichteten Wunschvorstellungen. Erna Schilling jedenfalls steht Kirchner bis zu seinem Selbstmord 1938 in Davos zur Seite und verwaltet gewissenhaft seinen umfangreichen Nachlass.

Doch es geht auch anders! Zum Glück gibt es nicht nur die sich in den Werken niederschlagenden düsteren und vor allem nach den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs traumatisierten Facetten des Expressionismus. Es gibt Experimentierfreudigkeit, politisches Engagement, exzessive Feierlaune und Tanz. Und Frauen, die sich vielfach künstlerisch Ausdruck verschaffen. Wie zum Beispiel die Kunsthistorikerin Rosa Schapire, eine der ersten Frauen, die 1904 in Deutschland promoviert. Frühe Mäzenin und Sammlerin der Brücke Maler, bleibt sie zeitlebens unverheiratet und bestreitet ihren Lebensunterhalt allein. 1907 nimmt sie als einzige Frau beim Internationalen Kunsthistorikerkongreß in Darmstadt teil. Ihre bescheidene Wohnung in Hamburg lässt sie sich von ihrem Freund Karl Schmidt-Rottluff einrichten: Kräftig grüne Wände, weiße Vorhänge, mit bunter Jute bespannte Heizkörper und Teppiche, dazu einfache, blockhaft geschnitze Hocker und einen Tisch. An den Wänden hängen nur expressionistische Gemälde.

In Berlin ist es das Neopathetische Cabaret, Keimzelle des literarischen Expressionismus, durch das sich die junge literarische Bohème ihre öffentliche Plattform erschafft. Else Lasker-Schüler liest aus ihrer Lyrik oder ihrem Stück „Die Wupper“. Tilly Durieux, später bekannteste Schauspielerin der Weimarer Republik spielt Szenen aus aktuellen Stücken. Neben der Zeitschrift „Der Sturm“ publizieren in der ab 1911 erscheinenden, links-politisch ausgerichteten Zeitschrift „Die Aktion“ Autorinnen wie Thea Sternheim, Alexandra Ramm oder Emmy Hennings, die später zusammen mit Hugo Ball in Zürich das Cabaret Voltaire gründet. Käthe Kollwitz, für die Kunst vor allem soziale Wirklichkeit darstellen soll, gestaltet Holzschnitte, die in der „Aktion“ gedruckt werden. Wie nach der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts im Januar 1919.

Schillerndste Skandalnudel dieser Zeit ist sicher Anita Berber, die als Siebzehnjährige das erste Mal auf der Bühne steht. Sie lebt ihre Bisexualität offen aus, ist Schauspielerin und Tänzerin, wird mit ihrem männlich geprägten Kleidungsstil – sie trägt gerne Frack und Monokel – zur Kultfigur. In 24 Filmen spielt sie mit und tanzt auch nackt ihre eigenen Choreographien. Immer wieder versucht sie formal und inhaltlich zu provozieren: »Wir tanzen den Tod, die Krankheit, die Schwangerschaft, die Syphilis, den Wahnsinn, das Sterben, das Siechtum, den Selbstmord [...].«. Mit 29 Jahren ist ihr kurzes Leben schon zu Ende – zu viel Ausschweifung, Alkohol und Kokain.

In Hamburg tanzt auf den legendären Künstlerfesten, die in ihrer Ausstattung wie Gesamtkunstwerke inszeniert waren, ihre Tanzkollegin Lavinia Schulz auf völlig andere Weise: komplett verhüllt in surrealistisch anmutenden, bunten Ganzkörpermasken führt diese ein Ballett auf, das bizarr gewirkt haben muss. „Topogan Frau“ oder „Tote Frau“ nennt Lavinia Schulz ihre Kostüme, die voller drastischer Details stecken. Zeitgleich entwickelt die in Hannover geborene Mary Wigmann ihre die Tanzgeschichte verändernden Choreographien. Sie ist die erste Tänzerin, die auf Musik verzichtet und mit ihren Bewegungen den Bühnenraum ganz für sich einnimmt. Ihr legendärer „Hexentanz“ entsteht 1914. Fünf Jahre hat später hat sie in Dresden ihren großen Durchbruch. Eine junge Frau sitzt im Publikum, die ebenfalls Tanzgeschichte schreiben wird: Gret Palucca.

 

BRÜCKE und Blaues Haus – Heckel, Kirchner, Schmidt-Rottluff und die Sammlerin Hanna Bekker vom Rath, Stadtmuseum Hofheim

Jenseits von Berlin entsteht durch die Malerin und Sammlerin Hanna Bekker vom Rath (1893-1983) ein wichtiger expressionistischer Zirkel. In ihrem „Blauen Haus“ in Hofheim am Taunus baut sie ab 1920 eine der bedeutendsten Sammlungen des deutschen Expressionismus auf. Ihr Haus wird Treffpunkt von KünstlerInnen wie Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel oder Emy Roeder.

Sie selbst beginnt schon früh zu malen, das Thema Figur interessiert sie ebenso wie ihre Künstlerkollegen. Die aktuelle Ausstellung in Hofheim zeigt unter anderem ihre Gemälde und Beispiele kunsthandwerklicher Arbeiten, sowie Bilder von Ida Kerkovius, Käthe Kollwitz, Emy Roeder und Louise Stomps.

Das Geistige in der Kunst – Vom Blauen Reiter zum Abstrakten Expressionismus, Museum Wiesbaden

Abschluß dieser Übersicht bildet die umfangreiche Ausstellung zum Blauen Reiter in Wiesbaden, die dank ihrer Fülle von mehr als 250 Werken auch zahlreiche Bilder von Gabriele Münter und Marianne von Werefkin zeigt. Die russische Künstlerin Werefkin war Meisterschülerin von Ilja Repin in St. Petersburg, wo sie Alexej von Jawlensky kennenlernt. Um ihn zu fördern, unterbricht sie zehn Jahre lang ihre Malerei. Nach einer Frankreichreise, unter dem Eindruck der Fauvisten, fängt sie wieder an zu malen. Und entwickelt ganz im Sinne „wilder Farbmalerei“ ihren eigenwilligen Symbolismus. In der Idylle des oberbayrischen Murnaus kommt es dann zu jenem legendärer Malsommer 1908, als die Künstlerpaare Marianne von Werefkin/Alexej von Jawlensy und Gabriele Münter/Wassily Kandinski sich weg von traditioneller Malweise hin zum abstrakteren Malen entwickeln. In dieser Zeit entstehen auch die farbkräftigen, flächigen Landschaftsbilder Gabriele Münters, die sie zur wichtigsten expressionistischen Malerin werden lassen. Rückblickend schreibt sie in ihrem Tagebuch: „Ich habe da nach kurzer Zeit einen Sprung gemacht – vom Naturabmalen – mehr oder weniger impressionistisch – zum Fühlen eines Inhaltes – zum Abstrahieren, zum Geben eines Extraktes.“ Dieser Sprung kann in der Ausstellung anschaulich besichtigt werden.

Copyright Julia Reichelt, für Mathilde Magazin, Januar 2011

 

 

Servicekasten:

bis 9. Januar: Else Lasker-Schüler Die Bilder

Jüdisches Museum, Untermainkai 14/15, 60311 Frankfurt

bis 13.Februar

Gesamtkunstwerk Expressionismus -Kunst, Film, Literatur, Theater, Tanz und Architektur 1905-1925

Mathildenhöhe Darmstadt, Olbrichweg 13, 64287 Darmstadt

bis 20. Februar
BRÜCKE und Blaues Haus Heckel, Kirchner, Schmidt-Rottluff und die Sammlerin Hanna Bekker vom Rath

Stadtmuseum Hofheim am Taunus Burgstraße 11, 65719 Hofheim am Taunus

bis 27. Februar

Das Geistige in der Kunst – Vom Blauen Reiter zum Abstrakten Expressionismus
Museum Wiesbaden, Friedrich-Ebert-Allee 2, 65185 Wiesbaden

 

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