Fluch der verlorenen Klasse von Sam Shepard nächste Vorstellung 1.11.2013 20.30 Uhr

_Marijke Jährling als Ella 2Die neue Premiere im West Side Theatre „Fluch der verlorenen Klasse“ des US-Dramatikers Sam Shepard zeichnet ein düsteres Stimmungsbild des Zerfalls einer Familie im Amerika der 70er Jahre. Eine lohnende Entdeckung dieser selten gespielten, vielschichtigen Tragödie.

Die Wände des ärmlichen Wohnraums in dem das Stück spielt, sind provisorisch mit Umzugskartons verkleidet und so behelfsmäßig und instabil wie die ganze Situation der Familie.
Obwohl sie es immer wieder betonen, dass sie nicht zur verhungernden Klasse gehören, ist der Kühlschrank entweder leer oder mit unsinnigen Dingen wie Dutzenden von Artischocken gefüllt. Er ist das zentrale Requisit, dessen Tür immer wieder geöffnet wird und in dem mehr gesucht wird als nur Nahrung. Obwohl Shepards Stück schon über vierzig Jahre alt ist, erweist sich genau deshalb als modern und überzeitlich, weil es voller Bilder und Symbolik ist.
Dass beide Eltern jeweils hinter Rücken des anderen versuchen ihr Haus und Land zu verkaufen, könnte mit seinen Verwicklungen auch Thema einer Komödie sein – das Gegenteil ist der Fall. Denn die Familie ist kaputt. Vater Weston säuft und ist nie da, Mutter Ella träumt von Europa und hat darüber den Kontakt zu den Kindern verloren. Tochter Emma versucht vergeblich, abzuhauen, Sohn Wesley hängt als einziger am Haus, als Sinnbild für die Sehnsucht nach einem Zusammengehörigkeitsgefühl.
Bereits ein bekannter Off-Broadway Dramatiker, hat sich Shepard mit diesem Stück 1977 dem Thema des Niedergang der amerikanischen Familie zugewandt. Es ist das erste einer Trilogie von Familien-Tragödien. Das bekanntere zweite Stück „Buried Child“ für den Shepard 1979 den Pulitzer-Preis gewann, erschien der Compagnie Schattenvögel unzugänglicher und noch zerstörerischer. Daher fiel die Entscheidung auf den selten gespielten „Fluch der verhungernden Klasse“. In zweieinhalb Stunden entfalten sie unter der Regie von Peter H. Jährling ein Stimmungsbild, dessen Tragik immer wieder durch schwarzen Humor gebrochen wird und dessen Dynamik von Anfang bis Ende in Atem hält. Die eingespielte Musik von Jimmi Hendrix, Led Zeppelin bis Janis Joplin unterstreicht die 70erjahre Stimmung. Ella (Marijke Jährling) ist eine Hippyfrau, die Yoga macht und sich vor ihrem Buddha verbeugt. Aber keinen Respekt der Tochter und noch weniger ihrem Mann gegenüber hat. Trotzdem bleibt sie vielschichtig in ihrem Spiel. Wie Peter H. Jährling die Wandlung des schweren Alkoholikers Weston spielt, hin zum Optimisten, der die Farm wieder aufbauen will, gehört zu den bewegenden Momenten des Stücks. „Es war wie ein Gefängnis“ beschreibt er die Zeit, als er lieber in Clubs krumme Geschäfte gemacht hat, statt den reichen Boden zu bestellen. Thomas Rausch, neu im Ensemble, ist der windige Immobilienhändler, der mit Haartolle und rosa Krawatte so gar nicht in die abgewrackte Umgebung passt. Samir Djikic spielt den aalglatt-brutalen Clubbesitzer, der Weston für einen Spottpreis das Haus abkauft. Juliane Bosse steht als Emma zum ersten Mal mit einer Charakterrolle auf der Bühne. Sie eine herrlich pubertäre Göre. Keifend und zickig, ist sie die Klarste und verfolgt als einzige ihre Ziele nachdrücklich – auch wenn sie am Schluss in die falsche Richtung gehen. Auch für Nima Conradt als Wesley ist es eine Bühnenpremiere, die überzeugt. Dass gerade er sich zum Ende des Stücks hin komplett wandelt, macht die Ausweglosigkeit der Familie eindringlich klar: Er schlachtet das kranke Lamm, das die ganze Zeit über im Stück gehegt und gepflegt wird, als mögliche Metapher für die Unschuld.

© Julia Reichelt;  im Auftrag für das DARMSTÄDTER ECHO

Mehr Informationen zu Spielterminen unter www.westsidetheatre.de.

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