Als Körper Kunst wurde – Piero Manzoni im Städel

Piero Manzoni (1933–1963)  Achrome, 1957–1963  Kaolin auf Leinwand  Städel Museum, Frankfurt am Main  © Fondazione Piero Manzoni, Milano, by VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Das Städel zeigt bis 22. September über hundert Werke des italienischen Künstlers Piero Manzoni. Sein erweiterter Kunstbegriff spielte sich zwischen der Anarchie von Dada und der Strenge der Minimal Art ab und öffnete sich für die Bereiche des Alltags und der Warenästhetik. Fünfzig Jahre nach seinem plötzlichen Tod im Alter von 29 Jahren ist es die erste umfassende Ausstellung im deutschsprachigen Raum überhaupt.Die schwarz-weiss Aufnahme zeigt ihn süffisant lächelnd in einer Toilette, eine handliche Konservendose in der Hand. Es ist die „Merda d´artista“, („Künstlerscheiße“), die er 1961 in einer Auflage von 90 Stück zum selben Grammpreis wie Gold dem Kunstmarkt zum Kauf angeboten hat. Wie seine Kunst in die Gegenwart hinein wirkt, zeigen Arbeiten, die im Foyer der Ausstellung zu sehen sind, darunter auch eine „One Minute Sculpture“ von Erwin Wurm. Bernard Bazile befragt in einer Videoarbeit 49 Sammler, warum sie dies besondere Werk Manzonis erstanden haben. Die „Merda d´artista“ die Bazile 1989 in einer Kunstaktion geöffnet hat und die in der Ausstellung zu sehen ist, lüftet das Rätsel um den wahren Inhalt allerdings nicht. Denn es geht Manzoni nicht um das Enthüllen, sondern das Verhüllen, um das Spiel mit der Idee, nicht um das Konkrete.

Angefangen hat er wie alle Maler: mit der Leinwand und dem Pinsel. Das war 1957, als er von den informellen Arbeiten der Künstler wie Lucio Fontana oder Alberto Burri beeinflusst war. Schon da zeigt sich bei ihm die Vorliebe für haptische, dreidimensionale Strukturen im Bild – so auch in den ausgestellten Arbeiten „Senza titolo“. Mit den darauf folgenden „Achromes“ nimmt er dem Bild die Farbe, reduziert sie auf einen einzigen Weißton, den er „achrom“ nennt. 43 Werke dieser Serie erstrecken sich über die Außenwände des Hauptaustellungsraumes, insgesamt 600 sind davon entstanden. Es sind Bilder, die ihre Farbigkeit aus dem verwendeten Material wie Gips, Kaolin (Porzellanerde), Styropor oder Kunstfell beziehen und die die Malerei in eine Dreidimensionalität.überführen. „Die Malerei wird körperlich und der Körper wird Kunst“ erklärt Ausstellungskurator Dr. Martin Engler, der seine Dissertation über Piero Manzoni geschrieben hat.

Nur einer hat eine ähnlich arbeitsintensive, radikale und kurze Künstlerlaufbahn: Yves Klein, den Manzoni verehrte und der ein Jahr vor ihm starb. „Sie sind der blaue Monochrome und ich der weiße, wir müssen zusammenarbeiten.“ schlug er ihm vor. Doch die Wertschätzung war nicht gegenseitig und wohin beide mit ihrer Kunst strebten letztlich völlig unterschiedlich. Das veranschaulicht ein monochromes Schwammrelief des Franzosen, das in der Ausstellung hängt. Wie Manzonis Achromes in seiner Struktur haptisch und objekthaft, dominant mit der fast hypnotischen Präsenz seines Blautones. Manzoni wird sich in eine andere Richtung entwickeln. Denn nach der Farbe lässt er auch die Linie verschwinden: entstanden auf Papier an einer Druckmaschine. Anschließend zusammengerollt und archivarisch in aufrecht stehenden Pappzylinder gesteckt, auf denen ihre genaue Länge zu lesen ist.

Parallel zur Malerei widmet sich Manzoni seinem Körper, mit dem er nun Kunst macht. Mit seinem Atem entstehen die „Corpi d´arte“ (Luftkörper) oder die „Fiato d´artista“ (Künstleratem). Mit einem Daumenabdruck versieht er hartgekochte Eier und lädt zur Kunstspeisung ein. Mit seinen Sockeln aus Holz („Basi magiche“) auf die sich die Betrachter damals stellen durften, erhebt er den Menschen zur lebendigen Skulptur. Entstanden 1961 im dänischen Herning, wo auch sein letztes Werk aus Eisen gefertigt wird, der „Sockel der Welt“. Damit verabschiedet sich Manzoni als Autor aus seinem Werk und es ist sinnigerweise der Anfangs- und Endpunkt der Schau. Der umgekehrt aufgestellte Sockel trägt die Erde, die ganze Welt wird zum Kunstwerk.

Piero Manzoni wird am 13. Juli 1933 in Soncino (Lombardei) als Sohn einer norditalienischen Adelsfamilie geboren. 1951 nimmt er ein Jurastudium auf, 1955 ein Studium der Philosophie. Im gleichen Jahr richtet er seine erste Einzelausstellung in Soncino aus. In dieser Zeit lernte er Künstler der Gruppe CoBrA, der „Spatialisten“ um Lucio Fontana und schließlich der Gruppe Arte Nucleare kennen, denen er sich 1957 anschließt. In Rotterdam findet 1958 seine erste Einzelausstellung im Ausland statt. Gemeinsam mit Enrico Castellani gründet Manzoni ein Jahr später die Mailänder Galleria Azimut. In Frankfurt sind seine Arbeiten erstmals 1961 in der Galerie dato zu sehen. Am 6. Februar 1963 stirbt Piero Manzoni 29-jährig in seinem Mailänder Atelier an einem Herzinfarkt.

Julia Reichelt, für das Darmstädter Echo am 2.7.2013

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