Expertengespräch mit Filmemacher Thomas Riedelsheimer in den Opelvillen Rüsselheim

Der Filmemacher Thomas Riedelsheimer war am Mittwoch in den Opelvillen Rüsselsheim zu Gast. Sein Dokumentarfilm „Rivers and Tides“ (2001) läuft begleitend zur Ausstellung „Andy Goldsworthy. Working with time“. In der Reihe „Expertengespräch“ sprach Dr. Beate Kemfert mit ihm über die Zeit mit dem britischen Land-Art Künstler.

Leicht war die Zusammenarbeit zu Beginn der Dreharbeiten nicht, erzählt Thomas Riedelsheimer den wenigen, aber interessierten Zuhörern am Mittwochabend in den Opelvillen. Andy Goldsworthy, der am liebsten alleine arbeitet, fühlte sich durch die Kamera unter Druck gesetzt. Thomas Riedelsheimer wiederum war auf der Suche nach bestimmten Momenten, die er im Film festhalten wollte. „Das Erste, was Du lernen musst, ist Deine Vorstellungen loszulassen.“ sagte Goldsworthy zu ihm. Unwägbares anzunehmen und eine Chance darin zu entdecken, lernt Riedelsheimer vom Künstler in den anderthalb Jahren Drehzeit. Beide arbeiten mit der Kamera: Goldsworthy, der mit der Hasselblad seine Arbeiten dokumentiert und somit “einfriert” und Riedelsheimer, der im Gegensatz die Bewegung filmisch festhält. Durch das Medium Film gelingt es ihm, die vergängliche Schönheit der filigranen Kunstwerke einzufangen: Die Bewegung der grasgrünen Haselnussblätter im Fluss, die Lichtreflexe im aufstäubenden Schnee, das Meer, dass sich langsam die mühevoll aufgebauten Steinkegel aneignet. Riedelsheimer leistet sich für den Film freie Drehtage – Tage ohne Kamera, an denen er dem kauzigen Künstler näherkommt. Ihn interessiert, was hinter den Werken steckt. Warum er soviel Mühe und auch Scheitern auf sich nimmt, um fragile Kegel, Blätter-Teppiche und Ähnliches zu schaffen, das voller Leichtigkeit ist. Goldsworthy geht es um die “kleinen Erleuchtungsmomente“ in denen ein Naturkunstwerk funktioniert – dafür lebt er. Diese Leichtigkeit sollte auch im Film spürbar sein. 18 Mal wird “Rivers and Tides” von Riedelsheimer selbst geschnitten, bevor es zur endgültigen Fassung kommt.

Fließend leicht mäandert der Film jetzt und zeigt, was die Werke Goldsworthys ausmacht. „Was man sieht ist keine allgemeingültige Wahrheit, sondern wie ich Andy Goldsworthy wahrgenommen habe.“ will er den Film verstanden wissen. Viel Zeit lässt er sich mit seinen Einstellungen, konzentriert sich ganz auf den Künstler und die Natur. Einen kurzen Moment lang zeigt er auch die Familie, seine Ehefrau und die vier kleinen Kinder. Ein großer Kontrast zur Ruhe und Einsamkeit der Landschaft, in der Goldsworthy arbeitet. “Die Szene gefällt vor allem den Frauen” erläutert Riedelsheimer schmunzelnd während des Gesprächs mit der Leiterin der Opelvillen, Dr. Beate Kemfert. Immer wieder zieht der sympathische Filmemacher Parallelen zu sich selbst. Als er im vergangenen Jahr während des Familienurlaubs mit seiner Kamera zwei Tage lang hinter fliegenden Löwenzahn-Fallschirmen her ist, weil er sie für seinen neuen Film verwenden will. Die vergängliche Schönheit der Natur sichtbar zu machen, diese Begeisterung teilt er mit Goldsworthy und würde am liebsten einen Film nur über das Phänomen Licht drehen. „Schönheit hat für mich viel mit Einfachheit und Vergänglichkeit zu tun“.

Doch jetzt erscheint erstmal im Oktober sein Film über einen japanischen Windkünstler. Und was dann geplant ist, verrät Beate Kemfert am Schluss: ein zweiter Film mit Andy Goldsworthy. Der Film „Rivers and Tides“ des preisgekrönten Dokumentarfilmers Thomas Riedelsheimer läuft begleitend zur Ausstellung „Andy Goldsworthy: Working with time“ bis zum 26. August 2012 in den Opelvillen Rüsselsheim.

 

Thomas Riedelsheimer

Als Thomas Riedelsheimer Mitte der 90er Jahre einen Fotoband von Andy Goldsworthy in die Hand bekommt, entsteht die Idee, über den Land-Art Künstler einen Film zu drehen. Als schwierig stellte sich allerdings damals die Finanzierung heraus: Kaum ein Produzent konnte sich vorstellen, einen 90 minütigen Dokumentarfilm über einen schwierigen Künstler anzusehen, der in der Natur Steine aufeinander schichtet. Heute ist „Rivers and Tides“ sein bekanntester Film und hat in Amerika bereits über 2,5 Millionen US Dollar eingespielt.

Für das Darmstädter Echo 22.06.2012, Julia Reichelt

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