Bronze by Gold von Stephanie Thiersch

MOUVOIR ASASELLO, BILDRECHTE  MARTIN ROTTENKOLBER

Die beiden verführerischen Bardamen Bronze und Gold aus James Joyce Roman „Ulysses“ geben dem neuen Tanzabend von Stephanie Thiersch den Namen. Im Juli probte die gebürtige Wiesbadenerin mit ihrem Ensemble im Staatstheater Darmstadt als Artist in Residence, am kommenden Donnerstag und Freitag ist sie mit der fertigen Vorstellung zu Gast

Wie gehen wir mit Überforderung um? Das beschäftigt die Choreographin Stephanie Thiersch in ihrem neuen Stück „Bronze by Gold“. Nicht, was die Überforderung auslöst, sondern was danach passiert, dem sogenannten „aftermath“. Mediale Bilder aktuellen Zeitgeschehens und Katastrophen strömen permanent auf uns ein, wir kriegen alles mit und werden überflutet. „Was mich interessiert ist, wie man damit umgeht: aggressiv oder passiv, mit Rückzug oder indem man sich in etwas Anderem verliert.“ erzählt sie im Gespräch in der Theaterkantine. Und das entwickeln die sieben Tänzerinnen und Tänzer in ihrer Körpersprache. Thiersch gibt zwar Themen, Aufgaben oder physische Einschränkungen vor, die TänzerInnen und Tänzer internationaler Herkunft sind aber Mitakteure, sind aktiv am choreographischen Prozeß beteiligt. Daher versteht sie ihr Ensemble „Mouvoir“ auch als Tanzkollektiv. Zur Zeit entstehen einzelne Soli im Darmstädter Ballettsaal, wie das von Chang Ik Oh, der um sich abzugrenzen vor der Bilderflut, sein T-Shirt auszieht und vor die Augen hält, andere Tänzer zucken konvulsivisch oder liegen schluchzend am Boden.

Musikalisch arbeitet Thiersch erneut mit dem Asasello-Quartett aus Köln zusammen. Im vergangenen Herbst haben beide in „For Four, disturbance“ damit experimentiert, inwieweit sich Musiker und Tänzer annähern und interagieren können. Diesmal spielen die Musiker Stücke der beiden jungen zeitgenössischen Komponisten Márton Illés aus Ungarn, Hiraki Kyiama aus Japan und die große Fuge op. 133 B-Dur von Beethoven, eigentlich der letzte Satz des Streichquartetts Nr. 13. Entstanden 1825/1826 klingt es so schräg und zerrissen, dass die damaligen Zeitgenossen es als Musik „wie von einem Irren komponiert“ empfanden und sich weigerten, es zu spielen. Auch der in seiner Musikauswahl sehr physisch arbeitende DJ Elephant Power aus Brüssel wird mit dabei sein, wenn „Bronze by Gold“ am 22. August beim „Tanz im August“-Festival in Berlin Premiere hat.

Die beiden Bardamen Bronze und Gold aus James Joyce „Ulysses“ hören alle Geräusche gleich laut, sind für Stephanie Thiersch eine Metapher für räumliche und zeitliche Gleichzeitigkeit und das passt zu ihrer Idee der Überforderung. Einige der einprägsamen Bilder aus den Nachrichtenmagazinen wird sie als tableaux vivants nachstellen, Menschen auf der Flucht, die große Krisen erlebt haben oder ein Paar, dass nur noch nebeneinander sitzt.

Ohne moralischen Zeigefinger will sie dafür sensibilisieren und zum Nachdenken animieren. Angeregt von der amerikanischen, politisch engagierten Schriftstellerin Rebecca Solnit plädiert sie dafür, dass sich in Krisensituationen eben nicht jeder der Nächste ist, sondern dass sich über jede Schranke hinweg Solidarität manifestiert.

Am kommenden Samstag 18 Uhr findet eine Offene Probe im Ballettsaal des Staatstheaters Darmstadt statt. Die Premiere von Bronze by Gold in Darmstadt ist am 26. November 2015 um 19.30 Uhr im Kleinen Haus.

 

Zur Person

Stephanie Thiersch, geboren 1970 in Wiesbaden, hat nach einer klassischen Tanzausbildung dem Ballett den Rücken gekehrt und in Montpellier Literatur studiert. Als sie dort Dominique Bagouet trifft, großer Choreograph des zeitgenössischen französischen Tanzes und Leiter des dortigen Centre chorégraphique national, ist sie sofort wieder mit Begeisterung am tanzen. Trotzdem verfolgt sie ihr Studium in Köln weiter, erst der Medienwissenschaft, dann als dann ein Postgraduiertenstudium der Medienkunst unter anderem bei der feministischen Provokations-Künstlerin Valie Export. Seit 2000 leitet sie ihr eigenes Tanzkollektiv „Mouvoir“, mit Sitz in Köln. Ihre vielfach preisgekrönten Stücke und Installationen entstehen oft an der Schnittstelle von Tanz, Theater, Medien- und Videokunst.

Copyright Julia Reichelt, für das Darmstädter Echo, 7. Juli 2015

 

 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>