Selbstversuch: Tanzworkshop bei Bruno Guillore der Hofesh Shechter Company

Bruno Guillore

Die Hofesh Shechter Company probt zur Zeit nachts im Ballettsaal des Staatstheaters Darmstadt an ihrem neuen Stück. Am Samstag gab der Associate Artistic Director und Tänzer Bruno Guillore einen Workshop für professionelle Tänzer. Julia Reichelt vom Darmstädter Echo hat teilgenommen und viel gelernt. Ein Selbstversuch.Die Nacht davor ist mir doch etwas mulmig und ich schlafe schlecht. Ich sehe mich inmitten von professionellen Tänzern, Tanzlehrern, Tanzstudenten wie es in der Ankündigung heisst an der Stange im Ballettsaal stehen und muss zusehen, wieviel höher die ihr Bein in die Luft schmeissen können als ich. Bloß nicht zu sehr auffallen, denke ich mir und packe dicke Socken, Jogginghose und T-Shirt ein, Balletttrikot und Schläppchen bleiben zuhause. Das der Workshop auch für fortgeschrittene Laien ist, steht zum Glück auch noch in der Ankündigung, dazu zähle ich mich mit viel gutem Willen und gesunder Selbstüberschätzung, fünf Jahre Ballettunterricht sind schließlich auch was. Doch in der Theaterkantine warten zwei Tänzer aus Mainz, außerdem hat sich eine ganze Gruppe der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst angemeldet. Im Ballettsaal sind die Spiegel abgehängt, das beruhigt. Auf Bruno Guillores T-Shirt steht „Deus“, („Gott“) und mit seiner eher bulligen Statur entspricht ernicht dem herkömmlichen Bild eines klassischen Balletttänzers. Physisch, humorvoll und unkonventionell ist dann auch sein Workshop.

Warum wir tanzen, will er von uns wissen. „Weil ich muss, weil es Spaß macht, weil es Therapie ist“, viele verschiedene Antworten der insgesamt 25 Teilnehmer von 18 bis 60 Jahren. Viele sind zum ersten Mal bei so einem Workshop dabei, kommen aus der Kontaktimprovisation, wenn sie nicht gerade professionell tanzen oder Tanz studieren.

Zum Aufwärmen stehen wir nicht an der Stange, sondern liegen auf dem Boden und Bruno macht mit uns eine geführte Körperreise. „Stellt Euch vor, Ihr seid eine Schlange“. Das versuche ich und bewege erst den Kopf, dann den ganzen Körper. Bruno geht herum, korrigiert, drückt hier und auf den Rücken, auch bei mir „Entspann Dich!“. „Fokussiert Euch auf die Emotionen, alles was wir tun, hat damit zu tun.“ Und die vermittelt er durch Bilder. Das sollen wir im Hinterkopf behalten während der nächsten zwei Stunden, die der Workshop dauert. Wir stellen uns, vor Marionetten zu sein, konzentrieren uns auf die Knochen, springen laut herum, dann muss das selbe Springen in der gleichen Geschwindigkeit mucksmäuschenstill passieren. Ich will, dass Ihr euren Kopf frei macht, euer Körper übernimmt dann schon“, egal, wie es aussieht. Und das ist herrlich demokratisierend, jeder muss bei sich anfangen, auch wenn er kein Spagat kann so wie ich. Auch für die professionellen Tänzer ist das entlastend:Lewis Seiwright, Tänzer im Staatstheater Mainz, empfindet Brunos Workshopals sehr befreiend, „It has a sense of freedom“, sagt er mir im Anschluss,seine Kollegin Keiko Okawa sagt sogar begeistert„Du konntest einfach nur Du selbst sein“.

Erst als Bruno eine Sequenz aus Hofesh Shechters Stück „Sun“, mit uns einstudiert, erfolgt die natürliche Selektion. „Stellt euch den Kick vor, als wolltet ihr einen Pudel töten, macht die Bewegung wie einen Hobbit-Tanz“. Zu pulsierendem Rhythmus kommen nur noch die professionellen Tänzer bei der Schrittfolge hinterher, auch wenn Bruno sie so anschaulich wie möglich erklärt.

Neben mir tanzen Verena, die mit vier Kindern den Beruf als Tänzerin nie ausüben konnte, und Armin, der mit 55 Jahren einer der ältesten Teilnehmer ist. „Tanz ist mein Leben, aber nicht mein Beruf, erzählt er und das er schon fast alle Richtungen durch hat: Ballett, Jazz, Modern, Street Dance, Flamenco. Er ist zum zweiten Mal bei einem Workshop dabei, am Schluss ist er so begeistert, das er am liebsten sofort weitermachen würde.

Wir bewegen wir uns tanzend von der einen Raumseite auf die andere, in sechs verschiedenen Dynamiken. Dann so, als ob uns niemand sieht, „Macht Euch lächerlich, macht das Bekloppteste, das Euch einfällt!“ Es geht nicht um Ästhetik, sondern um Emotionen – das ist auch die Kernaussage auch der Shechter Company. Und dann lege ich los, als wäre ich alleine im Raum. „Wow, damit hätten wir anfangen sollen, das war prima“. Gut, dass ich dabei die Augen zu hatte.

Copyright Julia Reichelt, für das Darmstädter Echo

 

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