„Form und Raum“ in der Galerie Netuschil

Heryun Kim , Vessel for-tears, oil-on-canvas,-2014, Bildrechte Heryun Kim  und Claus Netuschil

Keramik und Malerei – mit den Arbeiten von Young-Jae Lee (1951, Seoul) und Heryun Kim (1964, Changwan/Südkorea) zeigt die Galerie Netuschil noch bis zum 25. April zwei Künstlerinnen, die sich mit dem Thema Gefäß auseinandersetzen und ergänzen. Die beiden Koreanerinnen sind in der Kunstwelt keine Unbekannten: Young-Jae Lee hatte bereits 2006 mit 1111 ihrer Spindelvasen eine Einzelausstellung in der Rotunde der neuen Pinatkothek der Moderne in München, Heryun Kim wird im nächsten Jahr mit einer Einzelausstellung in der Fondation Louis Vuitton in Paris vertreten sein.In diese Gefäße müssen keine Äpfel gelegt oder Tulpen gesteckt werden – die keramischen Arbeiten von Young-Jae Lee ruhen in ihrer meditativen Form so in sich selbst, dass höchstens ein schlichtes Geäst hinzugefügt werden könnte, um die Ruhe nicht zu stören. Etwa fünfzig keramische Werke zeigt die Galerie Netuschil, Kugelvasen, Zylindervasen, Tulpen- oder Spindelvasen, aber auch große Schalen und Plattenteller. Sie thronen auf Sockeln, die harmonisch ausgewogenen Preziosen.

Für die KeramischenWerkstatt Margarethenhöhe in Essen, wo sie seit 1986 arbeitet und die ihr seit 2006 ganz gehört, hat Young-Jae Lee auch eine 25teilige Geschirrserie entworfen, verschiedene Teebecher sind in der Ausstellung zu sehen. Jedes Teil dieser Serie ist so schlicht und farblich reduziert gestaltet, dass es mit den anderen kombinierbar ist.

Nichts Figürliches findet sich auf der glatte Oberfläche der Behältnisse aus Westerwälder Steinzeugmasse. In pudrigen Türkis- oder Jadetöne, einer Craqueléeglasur, deren Struktur an gestaffelten Perlmutt erinnert, sind ihre Vasen allein von der Glasur und Farbgebung her schon erstaunliche Kunstwerke. In sie fließt das asiatisches Erbe der Schöpferin ebenso hinein wie derEinfluss der Bauhaustradition.

Ihr Studium hat sie auch nach Wiesbaden geführt, wo sie zusammen mit dem Darmstädter Bildhauer Thomas Duttenhöferbei Erwin Schutzbach Formgestaltung studierte, bevor sie an die Margarethenhöhe kam.

Auch für Heryun Kimsind Gefäß und Gehäuse die künstlerischen Hauptthemen. Auf kräftiger Leinwand, mit dick aufgetragenem pastosem Farbauftrag, hat sie den Mut für kühne Farbsetzungen. Auf leuchtend blauem Farbgrund, durch den darunter liegende rote Farbschichten durchscheinen, findet sich eine schwarze Umrißlinie, ein Gefäß beschreibend. Darin tanzen gelbe Farbsprengsel wie Punkte. „Vessel for tears“, Schale der Tränen, nennt die an der Grenze zu Nordkorea wohnende Künstlerin das Bild. Und gibt damit zum malerischen auch ein politisches statement ab: Die Trauer über die Teilung ihrer Heimatinsel.

Die Meisterschülerin von Klaus Fußmann war bereits öfters in den letzten fünfzehn Jahren in der Galerie Netuschil zu sehen, diesmal erstmals nicht mehr nur innerhalb einer Themenausstellung.

Parallel zu ihrer Zeit bei Fußmann hat sie sich in ihrer Doktorarbeit mit den exotischen Stilleben bei Emil Nolde befasst. „Berlin Stilleben“ sind auch in der Ausstellung zu sehen: farbig plakative Malereien mit reduzierter Pinselsprache, diestets haptisch ist und sogar richtige Farbklumpen bilden kann. Über mehrschichtigem Farbhintergund zeigen sie Variationen einer einfachen Schale. Rhythmisch sind diese seriellen Bilder in einer Gruppe gehängt. So lebendig diese Schalen von Heryun Kim vor den jeweils grün, blau oder gelbleuchtenden Hintergründen zu tanzen scheinen, so gelassen ruhen die keramischen Gefäße von Young-Jae Lee.

15. März 2015 – 25. April 2015, Galerie Netuschil | Schleiermacherstr. 8 | 64283 Darmstadt | Tel. 06151/24939 | info(at)galerie-netuschil.net,

Copyright Julia Reichelt, für das Darmstädter Echo

Young-Jae-Lee mit Spindelvasen, Bildrechte Young-Jae-Lee und Claus Netuschil

 

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