Guiseppe Spotas Blick auf die Digital Natives: „Much │Less“ im Staatstheater Mainz

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Guiseppe Spota bringt den Stress der Smartphone- und Computersüchtigen auf die Bühne. Sein erstes abendfüllendes Ballett „Much │Less“ im intimen Rahmen der U17 Bühne des Staatstheaters Mainz ist eine grimmige und fantasievolle Bestandsaufnahme der heutigen Gesellschaft ohne erhobenen Zeigefinger. Großer Beifall bei der Premiere, auch im jungen Publikum.Rechteckig ist alles, was mit digitalen Medien zu tun hat: Handys, Fenster, die sich auf Computern öffnen, Monitore. Rechteckig sind auch die rohen Metallrahmen, aus denen Guiseppe Spota zusammen mit Lucia Vonrhein ein assoziatives Bühnenbild entstehen lässt. Zusammen gesetzt zu Kästen oder mit Kabeln umwickelt, lassen sich die rechteckigen Gehäuse auseinanderbauen oder werden zu Rahmen. Vor allem aber dienen sie als Begrenzungen, aus denen man nicht ausbrechen kann. Denn Spotas Bestandsaufnahme unserer digitalen Zeit ist düster und betrifft längst nicht nur die junge Generation der sogenannten Digital Natives, zu denen auch er gehört. 65 Minuten lang, in coolen Partyklamotten (Kostüme: Vagante), wollen die fünf Tänzerinnen und zwei Tänzer Glitzer und Glamour und stecken doch mit ihren Rahmen fest.

Spota, 2012 für seine Rolle als „Blaubart“ in Stephan Thoss Ballett „Blaubarts Geheimnis“ zum besten Tänzer des Jahres prämiert, hat sich schon in seiner Zeit im Staatstheater Wiesbaden als Choreograph profiliert. Für “Un/attainable” hat er den zweiten Preis für Choreographie beim Internationalen Wettbewerb für Choreografen in Hannover gemacht. Auch „ ABI/TIAMO” und sein letztes Stück „ /TRE“ sind in Wiesbaden entstanden. Poetische, ruhige Stücke waren das, voller surrealer Einfälle.Spotas überbordende Fantasie, die sich in schnellen, immer wieder neuen Bewegungsfolgen zeigt, findet in „Much │Less“ eine härtere Gangart: assoziationsreich und noch stärker physisch geht es in diesem Stück zu, das einem das eigene Verstricktsein vor Augen führt und lange nachklingt.

Spota überträgt den permanenten Stress, ständig am Handy zu sein oder die Angst, etwas verpassen zu können in energiegeladenen Tanz, der sich auch aus Techno, Breakdance, Kampfkunst und Akrobatik speist und der von den herausragenden Tänzerpersönlichkeiten des tanzmainz-Ensembles umgesetzt wird. Getrieben und gehetzt finden sie sich zu Gruppen zusammen und lassen sich nicht los, kämpfen gegen die Metallrahmen an, können sie aber nicht aufgeben. Sie ziehen aneinander und kugeln übereinander in immer wieder anderen Formationen, sind dabei so cool, wie der unterkühlte Elektrosound, den der DJ Daniel Agema live am Set produziert. Er thront über dem Geschehen am Bühnenrand und verkörpert die digitale Welt. Später wird er in Wettstreit treten mit dem Schlagzeuger Florian Schlechtriemen, der die analoge Welt vertritt. Den Sound zum Stück haben sie gemeinsam erstellt, er reicht von sphärisch unterkühlten Elektroklängen, über Technobeat, bis zu klirrenden Geräuschen. Einmal wird er melodisch, als die Tänzer die Natur wiederzuentdecken scheinen. Da wird es für einen Moment leicht und spielerisch auf der Bühne. Archaisch tanzt Mattia De Salve zu den Drums, der Rhythmus fährt ihm in die Glieder.

Auch wenn viele Begegnungen stattfinden bleiben sie unpersönlich: Die pas de deux sind eher wie ein Zweikampf, eine Umarmung ist eher wie eine Kampfansage, bei der der Blick gehen ins Leere geht. Als rote Sirene dirigiert Gili Goverman das Geschehen, sie ist die Verkörperung des Computers und führt ausdruckslos und marionettenhaft ins Unheil. Riskant wie das Internet ist der Tanz mit den scharfkantigen Kästen, adrenalinlastig der hämmernde Klang dazu.

Copyright Julia Reichelt, für das Darmstädter Echo 28.2.2015

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