Zum letzten Mal am 16.1.2016: Aschenputtel von Tim Plegge

 

Tim Plegge: Valeria Lampadova als Aschenputtel, Bildrechte Regina Brocke

Mit seiner ersten abendfüllenden Choreographie für das Hessische Staatsballett erzählt Tim Plegge das Märchen der Brüder Grimm vom Aschenputtel neu. Mit stimmungsvoller Ausstattung und kleinen Gruseleffekten gelingt ihm ein zweistündiges, familientaugliches Märchenballett. Das Publikum in Wiesbaden ist begeistert. Aus den helfenden Tauben ist gleich ein ganzer Schwarm schwarzer Vögel geworden und der Prinz bekommt eine eigene Geschichte: Tim Plegge hat das Ursprungsmärchen der Gebrüdern Grimm erweitert und der Musik von Sergej Prokofjew eine Komposition von Jörg Gollasch zur Seite gestellt. Der hat für die Vögel eine eigene Musik kreiert, die etwas Unheimliches hat und Träumerisches in die Geschichte des Aschenputtels bringt. Den frühen Tod der Mutter begleiten die als Vögel maskierten Tänzer vor wolkenbehangener Kulisse, sie bieten einen starken, musicalartigen Auftakt des Abends. So wie die Feen in dem zeitlich früher entstandenen Märchen „Cendrillon“ von Charles Perrault, treiben sie das Geschehen voran. Kaum ist die Mutter tot, kommen die Stiefmutter und deren zwei Töchter ins Haus, muss Aschenputtel neben dem Herd schlafen und die Dienstmagd sein. Der Vater vermag sich kaum gegen die neue Frau durchzusetzen, ist auf Reisen als die Einladung zum Ball erfolgt. Mit Hilfe der Vögel kann Aschenputtel dort ebenfalls erscheinen, gibt es das Happyend mit dem Prinzen.

Tim Plegge hat die bekannte Märchenvorlage als zarte Liebes- und Emanzipationsgeschichte zweier Jugendlicher gelesen und arbeitet in seiner Choreographie die psychologische Seite der Handlung heraus. Mit überdeutlich gekennzeichneten Charaktere gelingt ihm ein stark gestisches Erzählballett, dass schon für die Kleinen verständlich ist. Unterstützt wird er, wie schon bei seinem Ballett „Momo“ vor drei Jahren von Sebastian Hannak (Bühne) und Judith Adam (Kostüme).

Überhohe Wände und ein im Maßstab dazu viel zu kleiner Heizkörper, ein gigantischer Berg an Tellern, den Aschenputtel spülen soll, veranschaulichen die Gefühlskälte an, in der das Mädchen lebt. Doch die Kulisse kann von Aschenputtel und dem Prinzen weggeschoben werden, auch wenn sie noch so hoch ist.

Valeria Lampadova, Solistin bei Thoss und in Plegges erstem Ballett „Vom Anfang.“, ist ein kraftvolles, jugendliches Aschenputtel, dass sich nicht unterkriegen lässt. Von der glamurösen Stiefmutter (Ludmila Komkova) wird sie auf Distanz gehalten, von den Stiefschwestern (Claudia Arraiza und Anissa Bruley) gemobbt. Die sind zwei Gören im Schulmädchendress, kommen wie eine fiese Variante des doppelten Lottchen daher. Tänzerisch gibt Lampadova den Kummer über den Tod der Mutter, die Liebe zum Vater (Tenald Zace) wider, aber auch ihr Selbstbewußtsein und schließlich die unbefangene Verliebtheit, als sie den Prinzen trifft. In ihm findet sie einen Gleichgesinnten wieder. Denn der Prinz (Vítek Kořínek) hat es auch nicht leicht und will sich aus familiären Zwängen befreien. Selbst wenn ihn die Eltern (Taulant Shehu und Shelby Williams) auf den Kopf stellen, er will die Krone einfach nicht aufsetzen. Lieber träumt er, er wäre ein Astronaut und statt nach einer Braut, schaut er lieber in die Sterne. Doch als ihm Aschenputtel mit ihrem Fantasiekostüm auf dem Ball begegnet, passt sie zu ihm mit seiner Astronautenjacke einfach besser als der Rest der festlichen Ballgesellschaft.

Als der Vater von seiner Reise zurückkehrt und unbemerkt die Szene beobachtet, wie Prinz und Aschenputtel zueinander finden, erinnert er sich an die geliebte erste Frau (Miyuki Shimizu). Beide Paare tanzen sachte im Gleichklang, verzichten auf große Gesten. So ist die Geschichte auch für Erwachsene einfühlsam erzählt worden. Für Kinder ab sechs Jahren.

Copyright Julia Reichelt, für das Darmstädter Echo am 16. Februar 2015

Tim Plegge:  Aschenputtel, Ensemble Hessisches Staatsballett, Bildrechte Regina Brocke

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