Gesten sagen mehr als Worte: Das Mädchen aus der Streichholzfabrik in den Kammerspielen

Katharina Hintzen  und Julius Bornmann und Gabriele Drechsel und Gerd K. Wölfle2_small2

2007 hat die junge Regisseurin Julia Hölscher für ihre Bühnenfassung des Films “Das Mächen aus der Streichholzfabrik“ von Aki Kaurismäki den Regiepreis erhalten (Festival „Körber Studio Junge Regie). Sie setzt den Film des finnischen Regisseurs auf ganz eigene und dichte Weise um, erzählt die bedrückende Geschichte im intimen Rahmen der Kammerspiele als eindringliches, begeisterndes Bewegungstheater. Der Text des Drehbuchs passt sicher auf eine DIN A4 Seite, doch was nicht gesprochen wird, macht dank der starken Präsenz des ganzen Schauspielensembles den Reiz dieses Abends aus. Die offene Szene der Kammerspiele gibt den Blick komplett frei auf das nackte Gemäuer der Hinterbühne, Heizkörper sind die einzigen Requisiten in diesem Stück. Kälte und Ungemütlichkeit herrscht in der Familie des Mädchens Iris aus der Streichholzfabrik.

Die erste Viertelstunde des 75minütigen Stücks vergeht gänzlich ohne Worte, choreographiert wie ein abgezirkeltes Tanztheater, durch das die monotone Alltagstristesse der Personen spürbar wird: Der cholerische Vater (Gerd Wölfle), die frustrierte, arbeitslose Mutter (Gabriele Drechsel), der Bruder (Josia Krug), der sich rechtzeitig aus dem Staub gemacht hat, die düstere Gestalt des Verführers Arne (Julius Bornmann) und inmitten dieses schwefelgelben Horrorkabinetts das Mädchen Iris (Katharina Hintzen).

Mimisch und gestisch entwickelt sich die Geschichte, werden die Personen charakterisiert. Das brutale Temperament des Vaters zeigt sich darin, wie er wieder und wieder eine Tasse schüttelt, aus der er verbissen auf Pistazien kaut. Wie er missmutig grunzt und auf einen nicht vorhandenen Fernseher zu starren scheint. Die lieblose Mutter stiert genauso vor sich hin, begießt die Heizkörper mit Wasser, füsselt angeekelt mit der Schuhspitze im Zeitschriftenstapel der Tochter. Die ist nur geduldet, weil sie das Geld nach Hause bringt: wenn sie die Arme hebt und sich die Eltern aus ihren Taschen den Lohn nehmen.

Ein scheinbar empfindungsloses Wachsfigurenkabinett ist das, aus dem die Tochter wenigstens einmal ausbrechen will, mit rotem Kleid, statt häßlicher Unisex-Klamotte, weg in eine Disco, wo sie Arne kennenlernt. Der stellt sich in einem Tanz dem Publikum vor, in dem schon so viel Schrecken steckt, das klar ist: aus dieser emotionalen Eiswüste gibt es kein Entrinnen. „Da ist nichts“ sagt er erst ganz leise, dann kreischt er es, bis es ohrenbetäubend jedem klar ist.

Weil sie die Handlung über die Geräusche und die Bewegungen erzählt, gelingt Julia Hölscher eine begeisternde Aufführung, gerade weil sie ganz andere Wege geht als traditionelles Regietheater.

 

Copyright Julia Reichelt

 

 

 

 

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