„Wir müssen den Schleier von unseren Augen reißen“, Opelvillen Rüsselsheim, 17.12.-8.3.2015

Olga Rosanowa, Collage für Alexej Krutschonychs  Mappe Der Krieg, 1916, Sepherot Foundation (Liechtenstein)

Wie nah in der Zeit des „Neuen Sehens“ Fotografie und Zeichnung beieinander liegen, zeigt eindrucksvoll die aktuelle Ausstellung in den Opelvillen Rüsselsheim. Parallel zum Bauhaus in Deutschland entstanden, sind erstaunlich viele Frauen an der russischen Avantgarde beteiligt. Und so finden sich neben Blättern von Kasimir Malewitsch, El Lissitzky oder Wladimir Tatlin auch solche von Ljubow Popowa oder Alexandra Exter, die beide an der Wchutemas, der wichtigsten und in ihrer Ausrichtung dem Bauhaus entsprechenden staatlichen Kunsthochschule in Moskau unterrichteten und künstlerisch die Avantgarde mitbestimmten.

Nicht kühl kalkuliert, sondern stets dynamisch in der Farbkombination mit leuchtend roten, pinkfarbenen oder blauen Farbtönen, sind die geometrisch konstruierten Collagen von Ljubow Popowa. Gekonnt ausgelotet sind auch die „Gegenstandslosen Kompositionen“ mit aufgeklebten Elementen verschiedener Materialien und Farben von Olga Rosanowa. Von ihr stammt auch eine der ganz frühen ungegenständlichen Collagen aus ihrem 1916 entstandenen Mappenwerk „Der Krieg“, einem der bedeutendsten Werke dieser Zeit. Dass es von den graphischen Collagen kein weiter Weg hin zur Fotomontage war zeigt El Lissitzkys als Fotomontage angelegtes Selbstporträt aus dem Jahr 1924: Inmitten geometrischer Formen erscheint sein Gesicht.

In fünf Kapitel vom „Suprematismus“ bis zur „Vision vom Neuen Menschen“ hat die Geschäftsführerin der Stiftung Opelvillen und Kuratorin Dr. Beate Kemfert die rund einhundert Kunstwerke unterteilt. Der Anteil von Fotografie und Zeichnung ist ungefähr gleich. Rund 3000 Werke mit einem Schwerpunkt zur russischer Avantgarde umfasst die Sammlung der Sepherot Foundation, aus der sie für die Ausstellung schöpfen konnte. Vor zwei Jahren das erste Mal gesichtet, wurde ihr bis zum Schluss freie Hand gelassen, was Thema und Ausrichtung der Ausstellung angeht. Und das hat sich gelohnt. Spielerisch legt sie Parallelen frei, inszeniert erzählerische Blickachsen durch die Hängung. Die seriellen Ornamente von Nadeshda Uldazowa finden sich neben dem Foto „Tellerräder, Automobilfabrik AMO“ von Alexander Rodtschenko. So wird greifbar, wie sehr sich die konstruktivistische Graphik und die Fotografie parallel entwickelten.

Nicht nur das legendäre „Schwarze Quadrat“, dass Kasimir Malewitsch erstmals 1915 ausstellte, sondern auch der Kreis spielt in seinem auf die geometrischen Grundelemente reduzierten Suprematismus eine wichtige Rolle. In der Ausstellung findet sich seine „Suprematistische Komposition mit Kreisen“ neben einem Porzellantellerentwurf von Ilja Tschaschnik und dem Foto „Der Jongleur“ von Alexander Rodtschenko. Die elementare runde Form wird durchdekliniert durch alle Gattungen, durch Fotografie und Kunstgewerbe. Selbsterklärend wird so das Ausstellungskonzept sichtbar gemacht, auch ohne großes Hintergrundwissen erschließt sich die Schau. „Wir müssen den Schleier von unseren Augen reißen“, der Titel der Ausstellung ist ein Zitat von Alexander Rodtschenko, dem herausragendsten russischen Fotografen der Epoche. Seit der ursprünglich als Maler und Grafiker tätige Künstler 1924 die Leica für sich entdeckt hatte, hat er sie fortan nur noch verwendet – seine Utopien ließen sich nicht mehr über die Malerei ausdrücken.

Dass wir noch alles viel zu realistisch sehen, fand der „Experimentator“. Die innere Struktur der Welt, die ihr innewohnende Ordnung wollte er in seinen ungewöhnlichen Fotografien sichtbar machen.

Und das sind in seinem Fall die Diagonalen, die er durch ungewöhnliche Perspektiven kreiert und in allem wiederfindet. Sei es der Blick in den Wald, wo er wahrscheinlich auf dem Boden liegend aus der Froschperspektive die geraden Stämme der Kiefern festhält, oder einen Stabhochspringer fotografiert. Eine „Weibliche Pyramide“ entsteht, als Rodtschenko junge Sportlerinnen just in dem Moment ablichtet, als sie exakt die geometrische Pyramidenform bilden. Körper fotografiert er so, dass sie zu geometrischen Formen werden, wie sie zeitgleich in den Graphiken und Collagen entstehen. Er abstrahiert das für Sowjetrussland so wichtige klassische Sportfoto.

Für seinen engen Freund, den Dichter Wladimir Majakowski illustriert er Gedichte und Plakate, bringt die Überdrüssigkeit an der bürgerlichen Gesellschaft passend zur abgehackten lyrischen Sprache in eine parodistische Collage. Die Muse der russischen Avantgarde und Geliebte Majakowskis, Lilja Brik, hat er 1929 auf der Fahrt mit dem Automobil fotografisch begleitet, während sie am Steuer saß. Von weit oben als Draufsicht fotografiert Rodtschenko einen Omnibus und lässt ihn zu einem geometrischen Balken werden. Rechts und links daneben greifen Zeichnungen das Motiv des Rechtecks auf. So finden beide Medien in ihrem radikal neuen Ausdruck wieder zusammen.

Für das Darmstädter Echo, Copyright Julia Reichelt

 

 

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