“Scheitern ist keine Option” Performance-Kunst von Mila Burghardt

Mila Burghardt, Wenn dann richtig, Bildrecht Kolja Raschke

Klar setzt sie sich mit ihrer Körperlichkeit in Szene, ist sich wie ihre Performance-Kolleginnen Elke Krystofek oder Marina Abramovic ihrer Schönheit bewusst. Ihr Portfolio nennt sich ja auch „Video. Performance. Und ich“. Doch das Spannende der inzwischen sechs entwickelten Performances von Mila Burghardt ist, dass sie sich genauso auch verballhornt und keine Scheu davor hat, zu den Klängen eines Minikeyboards im Schlager-Stil zu singen oder durch hochvirtuos entwickelte Videos die eigene Person ironisch in Frage zu stellen. Groteske, surreale Einfälle hat sie in diesen Videos. Bei „Wir müssen reden“ ist es ein monumentaler großer Mund, der mit einer raumgreifenden Zunge nach ihr schnappt, später wird sie in einem Meer von Zungen zu schwimmen versuchen. „Wenn dann richtig“ ist 2013 zum Büchnerjahr entstanden. Im Video fliegen erst Hände wie kleine Vögel auf sie zu, dann greifen die stilisierten Gliedmassen auf der Leinwand nach ihr auf der Bühne und werden schließlich zu Spaghetti. Frei nach einem Ausspruch Georg Büchners: Es soll Makkaronis regnen.

In Darmstadt hat Mila Burghardt einen guten Stand. Sie ist die einzige Künstlerin, die Video-Performances macht. Aber sie arbeitet auch mit Collagen: Sie stehen in direktem Bezug zu den Schlüsselszenen ihrer Performances und dienen ihr als Test, ob der Raum so funktioniert und stimmig ist. Und dies Ausprobieren lohnt. Sie erschafft, durch gekonnte Lichtinszenierung und Soundcollagen ungewohnte Blickwinkel. „Wenn ich performe, gebe ich meist alles preis“, und wenn die Szene es braucht, auch nackt. „Ich liefere mich sowieso aus“, erzählt die junge Frau, die 2012 nach Darmstadt gekommen ist, und seit April ein Graduiertenstipendium der Bauhaus-Universität Weimar gewonnen hat.

Im Nebenraum des labyrinthischen Bunkers macht sie während der Pop-Up Aktion die Absurdität zur Performance, dass der Schutzraum für nur zweitausend Menschen geplant war, obwohl im Umkreis circa Dreißigtausend wohnten. Monoton zählt sie immer dreißig ab, macht mit Kreide eine Strichliste an der Wand. Je länger man ihr beim Aufzählen zusieht, um so beklemmender wird das Geschehen – denn es wird spürbar, wie wenig Menschen im Umkreis des Bunkers überhaupt einen Platz bekommen hätten. Wie Karwarth+Todisko geht sie in den Raum, nutzt ihn jedoch für eine konkretere Aussage, zeigt gesellschaftliche Zusammenhänge auf – und kritisiert sie. „Welchen Preis müssen wir Frauen zahlen, um alles zu schaffen, mit einem Lächeln und das auch noch kostenlos“ zitiert sie die britische Autorin Laurie Penny in ihrer Performance „Scheitern ist keine Option“ (2012): „Schneller bitte. Mehr, bitte. Alles, bitte. Und hoch, bitte. Ganz hoch, allein, bitte. Aber zusammen, bitte. Mit Garten und Kind, bitte. Aber berühmt, bitte. Und schön, bitte. Und Erfolg, bitte. Jetzt, bitte. Danke.

Copyright Julia Reichelt, für die Winterausgabe des ARTMAPP-Magazins 2014

Mila Burghardt, Scheitern ist keine Option, Bildrecht Kolja Raschke

 

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