Blaubarts Geheimnis

 

 

 

 

Trailer Blaubarts Geheimnis Staatstheater Darmstadt

Diesem Blaubart kann man nur verfallen, ein Womanizer, der so unheimlich wie verführerisch ist. Giuseppe Spota hat für die Interpretation des „Blaubart“ 2011 den begehrten Faust-Preis gewonnen. Geschmeidig und kraftvoll tanzt er wie eine Raubkatze, die neue Geliebte Judith (Valeria Lampadova) hat er in sein dunkles Schloss gelockt. In diesem düster-schwarzen Ambiente sich verschiebender Wände und Türen (Bühne Stephan Thoss) ist sie die einzige Lichtgestalt in gelbem Kleid. Wie es der Herzog Blaubart in Béla Bartóks Oper singt, zeigt er ihr seine Verflossenen, wenn sich die vielen Türen öffnen: „Sieh, die ich vor Dir besessen, sieh, die ich vor dir geliebt habe“.

Mit „Blaubarts Geheimnis“ bringt der Wiesbadener Ballettdirektor Stephan Thoss jedoch ein Kammerstück auf die Bühne, dass anders als seine literarische Vorlage ganz ohne Blut und Leichen auskommt. Die Leichen, die dieser Blaubart im Keller hat, sind die Geheimnisse seiner Vergangenheit. Nicht nur die vielen Geliebten spielen darin eine Rolle, sondern vor allem die allgegenwärtige Mutter, die bis zum Schluss die Idylle zerstören will: Romy Liebig tanzt sie resolut und überzeugend eindringlich.

Die minimalistisch-melodiöse Kammermusik von Philipp Glass unterstreicht die traumartige Atmosphäre. Sogartig zieht sie in den Zuschauer in Blaubarts Vergangenheit hinein. An dem Märchen Charles Perraults des Frauenmörders Herzog Blaubart interessiert Thoss vor allem die seelische Ebene und wie sich die Beziehung zwischen dem älteren, erfahrenen Mann und seiner jungen Frau entwickeln kann. Er gibt Valeria Lampadova viel Raum, ihren Platz zu erkämpfen und schließlich souverän als Gewinnerin die Situation zu meistern. Sie ist der ideale Gegenpart zu Spota, ebenbürtig in ihrer Ausdruckskraft. Die Machtverhältnisse, die hier wie in einem Brennglas sichtbar werden, hat Thoss in seinem ersten Teil des Abends vorbereitet. Miniaturen, Momentaufnahmen von Beziehungen zeigen die „Präludien“. Stilistisch unterschiedlich wie die Musik des zeitgenössischen polnischen Komponisten Henryk Górecki zeigen sie feine Nuancen im Spiel zwischen Männern und Frauen. Die pas de deux sind dabei eher Zweier-Kämpfe statt ein Miteinander. Die Paare zerren aneinander, schubsen sich nach kurzer Annäherung wieder weg, wie Sandra Huber und Taulant Shehu oder Ayumi Sagawa und Matthew Tusa. Thoss erzählt viele kleine Geschichten vom Getrieben sein, Gefallen wollen, von schnell wechselnder Zuneigung oder Ablehnung.

Mit seiner gekippten Architektur, erinnert das Bühnenbild an die Gemälde von De Chirico: Treppen, die ins Nichts führen, darauf stehen vereinzelt ein Mann und eine Frau. Sie blicken in verschiedene Richtungen und haben nichts miteinander zu tun.

Auf der Bühne ist es zum Glück anders – sonst gäbe es kein Happy End.

© Julia Reichelt;  im Auftrag für das DARMSTÄDTER ECHO

Zum letzten Mal im Staatstheater Darmstadt am Mittwoch, 3. Juli 2013.

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