Offenes Atelier von Katja M. Schneider am 12. Juni 2015

“ich sehe was, was du nicht siehst” Malerei von Katja M. Schneider bis 3.12.2014 in der Regionalgalerie Südhessen

Die in Offenbach tätige Malerin Katja M. Schneider (*1966) geht auf ungewöhnliche Weise mit Bildmotiven aus den Medien um. Sie zeigt unter anderem Stars der Fußballszene – auch wenn sie selbst kein Fußball-Fan ist. Die Regionalgalerie Südhessen zeigt noch bis 3. Dezember ihre überraschend wie wohl komponierten Gemälde, Papierarbeiten und Collagen.„Ich sehe Caravaggios und Altmeister, wenn ich in die Zeitung schaue“, erzählt die Künstlerin Katja M. Schneider im Gespräch beim Gang durch ihre Ausstellung „ich sehe was, was Du nicht siehst“ in der Regionalgalerie Südhessen. In ihrem Atelier stapelt sie Zeitungen, lässt sie erst einmal liegen, „ablagern“ nennt sie das. Findet sie ein interessantes Foto, dreht sie es auf den Kopf, um zu erkennen, ob die Komposition wirklich trägt. Dass sie ein gutes Auge hat, zeigen die 44 Werke, die in der Ausstellung zu sehen sind. 15 Jahre lang hat Katja M. Schneider abstrakt gemalt und „Farbe von links nach rechts und rechts nach links geschoben“, wie sie es beschreibt. Das erklärt den gekonnten Umgang mit Komposition und Farbzusammenstellung ihrer aktuellen Bilder. Wie versiert sie mit der bildnerischen Fläche umzugehen versteht zeigt auch der vielfache Einsatz von Stempeln, Relikte aus der Zeit, in der sie noch abstrakt gearbeitet hat. Heute sind die Stempel für sie eine gute Möglichkeit, die Fläche aufzulösen und ein bestimmtes Ambiente zu transportieren, sei es durch die französische Lilie als Motiv oder durch keltisch anmutende Ornamente. 2006 hat sie sich künstlerisch neu orientiert, als ganz Deutschland im WM-Fieber war. „Heldenverehrung“ nennt sie den in dieser Zeit entstehenden, ersten realistischen Zyklus. Er fokussiert die jubilierenden Fußballspieler in Acrylfarbe und Buntstift. Sie zeigt den Star der russischen Nationalmannschaft Andrei Sergejewitsch Arschawin als Heiligen mit Aureole, stilisiert die sich siegestaumelig umarmenden Fußballer wie Jesus mit seinen Jüngern. „Unsere Wahrnehmung ist von Bildspeichern klassischer Gemälde unterfüttert“, erklärt auch Peter Joch bei seiner Einführung zur Vernissage. Der ehemalige Leiter der Kunsthalle ist extra aus Potsdam angereist, bleibt der Jury der Regionalgalerie trotz seiner neuen Aufgabe als zukünftiger Museumsdirektor treu. Vor der Folie der Vergangenheit entwickelt Schneider ihre Motive. Was sie interessiert ist die Emotionalität, der Endpunkt des Spiels, wenn die eine Mannschaft in Tränen ausbricht, während die andere sich feiern lässt, die Pose der Sieger und der Verlierer. Als Endpunkt der Serie von Fußballspielern ist in diesem Jahr ein Diptychon entstanden. Der Vordergrund zeigt die jubilierenden, sich umarmenden Sieger des Spiels, der Hintergrund ist wie ein klassisches Schlachtengemälde aufgebaut. Doch beim genauen Hinschauen gibt es gruselige Momente, sind neben preußischen und napoleonischen Soldaten in Reih und Glied auch SA-Soldaten, die schwarze IS-Flagge und Leichenfelder erkennbar. „Brot und Spiele“ betitelt Schneider dies zweigeteilte Gemälde. Nach dem Ausspruch des römischen Dichters Juvenal: „Wenn das Volk nur Brot und Spiele hat, gibt es seine ganze Macht ab“, ist es hier der irritierte Betrachter, dessen Blick vielleicht auch lieber mit Vorliebe bei den Spielern hängen bleibt, statt auf die blutige Historie zu achten. Ein Foto zur Oscarverleihung stand Pate bei dem Bild „Thalia und Melpomene“. Es zeigt zwei Diven in einer künstlichen Pose beim Kuss, über dem Paar ist in römischen Lettern 2013 in einem Tympanon zu lesen. Schneider macht aus den Musen der Tragödie und der Komödie, die in allegorischen Gemälden stets gemeinsam auftreten, ein filmreifes Paar. Gibt es eine natürliche Darstellung in der Malerei, fragt auch Peter Joch bei seiner Eröffnungsrede und zitiert Diderots Paradoxon vom Schauspieler. Der muss erst ganz viel Kunstfertigkeit leisten, um auf der Bühne natürlich zu wirken. Spielt er dann natürlich, sagt das Publikum, wie kunstfertig er doch ist. Umgekehrt steht Anselm Feuerbach Pate, als Katja M. Schneider ein Porträt der Tochter malt. Im Seitenprofil, die Hand grazil am Hals, ganz wie Feuerbachs „Nanna“ aus dem Jahr 1860. Was das klassische Gefüge sprengt, sind die Indizien der heutigen Zeit: der schwarze Nagellack auf den Fingernägeln und ein moderner Ring an der Hand des Mädchens. Vier überlebensgroße Porträts ihrer jugendlichen Freundinnen sind, wie es im 16. /17. Jahrhundert üblich war, versehen mit Attributen, die sie charakterisieren: aufsprossende Blütenzweige als Sinnbild der Jugend, aber auch Accessoires der heutigen Zeit wie Smartphones und Kopfhörer. So erweitert die Künstlerin die tradierten Bildformen und übersetzt sie in die heutige Zeit. Copyright Julia Reichelt, für das Darmstädter Echo.

Mehr über die Künstlerin finden Sie unter www.kmschneider.de.

REGIONALGALERIE SÜDHESSEN, Luisenplatz 2,64283 Darmstadt, MO – DO 8 – 17 UHR, FR 8 – 15 UHR

Ausstellungsdauer:30. Oktober bis 3. Dezember,

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