STURTEVANT – das zeichnerische Gesamtwerk im MMK Frankfurt

Das MMK in Frankfurt widmet der im Mai dieses Jahres verstorbenen Künstlerin Elaine Sturtevant eine Ausstellung. 2011 wurde ihr während der 54. Biennale in Venedig der Goldene Löwe verliehen, im letzten Jahr war es der Kurt-Schwitters-Preis im Sprengel Museum Hannover – beide für ihr Lebenswerk. Über 100 Zeichnungen aus einem Schaffenszeitraum von 50 Jahren spiegeln chronologisch ihr Gesamtwerk, das auch in Installationen, Videos und Aktionen zum Ausdruck kam.Ist Kopieren Kunst? Diese provokante Frage wurde zum Werk der amerikanischen Künstlerin Elaine Sturtevant (1924-2014) immer wieder gestellt. In ihrem Heimatland Amerika hatte sie es schwer mit ihrer künstlerischen Arbeit, die keineswegs kopiert, vielmehr wiederholt – und dies nicht unkritisch tut. Dennoch sind ihre Werke Kopien anderer Kunstwerke, Readymades bereits bestehender Kunst. Doch wessen Werk sie sich aneignet, um es zu wiederholen und wie sie es tut, macht das besondere von Sturtevants Arbeit aus.

Jetzt, nach fünfzig Jahren und posthum, würdigt endlich das New Yorker MoMA ihr Lebenswerk in einer großen Retrospektive. Im Frankfurter MMK weiß man längst ihre radikale Konzeptkunst zu schätzen, die hauseigene Sammlung verfügt über 17 Werke. Vor zehn Jahren bereits fand die erste umfassende Ausstellung der Künstlerin statt. Das ganze Museum wurde für diesen Zweck leergeräumt, um es mit ihrem Werk erneut zu füllen. „The Brutal Truth is that it is not a Copy“ war der Titel dieser Schau. Exakt zehn Jahre später ist nun ihr zeichnerisches Gesamtwerk im MMK zu sehen, darunter 80 Zeichnungen, die erstmals ausgestellt sind.

Sturtevant, die sich wie viele ihrer männlichen Künstler-Kollegen stets nur mit dem Nachnamen nannte, war genau in jenem wichtigen Jahrzehnt in New York, als die Pop-Art zu ihrer Blüte kam. Sie ist mit jenen Künstlern befreundet, die die amerikanische Alltagskultur und die Werbung kritisch unter die Lupe nehmen: Jasper Johns, Claes Oldenburg, Andy Warhol und Roy Lichtenstein. Wenige Wochen, nachdem Warhol seine Siebdruck-Flowers macht, malt sie die Blumen von ihm nach. Sie zeichnet auch die Hamburger von Claes Oldenburg, die Comics von Roy Lichtenstein. Den damals noch weitgehend unbekannten Künstlern ist dies recht, es heißt, Warhol habe ihr sogar seine originalen Druckvorlagen geliehen.

In ihren „composite drawings“ vereint Sturtevant Motive ihrer Künstlerfrende auf einem Blatt.

So finden sich in „Warhol Flowers Lichtenstein Pointed Hand“ im oberen Bereich die Siebdruck-Blumen von Warhol, im unteren Teil zeigt der ausgestreckte Zeigefinger auf den Betrachter. Es ist die berühmte Geste Uncle Sams des 1917 publizieren Plakats„I want you to the U.S. Army“ von James Montgomery Flagg, mit dem weitere Soldaten für den Ersten Weltkrieg rekrutiert werden sollten – und dessen Motiv bereits von Roy Lichtenstein wiederholt wurde.

Indem sie beide Motive kombiniert, gelingt Sturtevant eine Umdeutung: sie fordert den Betrachter auf, sich mit dem, was zu sehen ist, auseinander zusetzen. „Es besteht ein großer Unterschied zwischen dem Wiederholen im Deleuz´schen Sinne und dem Kopieren. Zunächst muss eine Kopie dieselbe Absicht haben, wie das Original, wohingegen sich meine Arbeiten mit einer inneren Bewegung sowie der Wiederholung als Differenz befassen.“ sagt die den französischen Philosophen wie Gilles Deleuze und Michel Foucault zugetane Künstlerin, die bald zwischen New York und Paris pendelt, später Paris zu ihrem ständigen Wohnsitz macht.

Die „Great amercian nude“ von Tom Wesselman kombiniert sie auf einem Blatt mit dem „Hot Dog“ von Lichtenstein, den sie auf diese Weise phallisch konnotiert. Auch wenn Sturtevant betont, „Ich habe mit Feminismus nichts zu tun“, vereint sie in einem anderen „composite drawing“ die „Great amercian nude“ mit einer Zielscheibe von Jasper Johns. Konsequent setzt sich sich mit dem Vater des Readymades, Marcel Duchamp auseinander, wiederholt nicht nur seine berühmtesten skulpturalen Werke wie das „Pissoir“ und das „Fahr-Rad“, sondern auch seine Zeichnungen. Mit ihrem eigenen Foto montiert sich in Marcel Duchamps Serie „Most wanted“ hinein.

Nach zehn Jahren künstlerische Verschnaufpause knüpft sie 1985/86 an die nächste Künstlergeneration wie Keith Haring, Felix Gonzalez-Torres oder Anselm Kiefer an und wird von der Kunstszene endlich verstärkt wahrgenommen, vielleicht auch, weil durch die neuen Medien die Frage nach Original und Fälschung, Bildern und Bildrechten aktueller ist als je zuvor.

Joseph Beuys hat sie als Künstler schon sehr früh wahrgenommen, ab 1967, zu einer Zeit, als er in Amerika noch ein Unbekannter war. Sie wiederholt seine Aktionen in ihrem Atelier in New York, baut seinen „Fettstuhl“ nach. Sturtevant eignet sich auch den Duktus seiner seismographischen Zeichnungen an. Bis ins Detail gelingt die Wiederholung Beuys feiner Handschrift. In der aktuellen Ausstellung begrüßt ein überlebensgroßes Remake des 1972 entstandenen Lichtdrucks auf Polyesterfolie, „La rivolizione siamo noi“ von Joseph Beuys den Besucher. Erst beim genauen Hinschauen erkennt man Sturtevant selbst, die in Weste, Hut und Stiefeln auf einen zu marschiert. Julia Reichelt, für das Darmstädter Echo, 4.11.2014

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