Aufwind – Der erste Ballettabend des Hessischen Staatsballetts

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Der erste Auftritt des neuen Hessischen Staatsballetts fand in Darmstadt statt. Ballettdirektor Tim Plegge hat sich für seinen Auftakt zwei Choreographen an seine Seite geholt, die einen spannenden Abend garantieren. Das Publikum ist begeistert.

Nach dem Opernabend „Odyssee“ im Großen Haus nimmt auch das Ballett die Idee des Reisens, Hin- und Herfahrens und Ankommens auf: Vor allem der letzte Teil „Left right left right“ des dreiteiligen Ballettabends „Aufwind“ nimmt darauf Bezug, dass die Tänzer ja nun zwischen Wiesbaden, wo sie trainieren und Darmstadt, wo sie auch auftreten, pendeln müssen. An Schauplätzen dieser beiden Städte im Film und auf der Bühne zeigen sie, wie fantasievoll es sie sich fortbewegen lässt – egal, was die anderen denken. Der schwedische Choreograph Alexander Ekman ist bekannt für originelle Ideen, hat er doch seine Version des „Schwanensees“ im Wasser tanzen lassen und die Bühne des Osloer Opernhauses mit 5000 Litern Wasser gefüllt. In „Left right left right“ kommen nun Laufbänder zum Einsatz. 2012 für das Netherlands Dance Theatre 2.entwickelt, tanzt das ganze Ensemble synchron als geschlossene Gruppe, was das Zeug hält und vor allem die Laufbänder hergeben. Balanceakte und tänzerische Figuren werden im Laufen gezeigt oder gemeinsam exerziert. Und das ist zur pulsierenden Minimalmusik von Mikael Karlsson so überraschend wie begeisternd.

Der ehemalige Forsythe-Tänzer Richard Siegal hat mit dem mittleren Teil des Abends „Liedgut“ die energetische Messlatte bereits hoch angesetzt und bietet ein Spektakel aus gleißender Lichtinszenierung, kühl dröhnendem Elektrosound, der teils an die Kultband Kraftwerk erinnert und spannungsgeladenem Tanz. Auf Spitze und mit vielen klassischen Elementen wie Pirouetten und Sprüngen bietet der Amerikaner ein zeitgenössisches, kraftvolles Ballett, deren Kostüme (Bühne, Licht und Kostüme ebenfalls Richard Siegal) an eine Mischung aus Odyssee im Weltraum und TV-Ballett der 70er Jahre erinnert. In erst weißen, dann schwarzen Lacktrikots haben die Tänzer etwas Futuristisches, vor der grell leuchtenden Lichtsäule tanzen sie im Halbdunkel und heben sich davor ab, als Solistin sticht Eszra Houben aus der Menge heraus. Das neue Ballett-Ensemble kann sich bei den drei Choreographien mehr als sehen lassen – Plegge hat über die Hälfte der Thossschen Tanztruppe und zwei Tänzer aus dem Darmstädter Ensemble übernommen. „Am Anfang“ nennt der neue Ballettdirektor sein Stück, mit dem der Abend eher düster beginnt. Mit dunkler Bühne, die bis auf eine schräge als Podest herausragende Ebene kahl ist, und die in den ersten Momenten stark an seinen Vorgänger, Stephan Thoss erinnert, so träumerisch und surreal ist die Atmosphäre. Unter dem Podest verbergen sich silbrige Luftballons, (Bühne und Kostüme Elisa Limberg), passend dazu hält Valeria Lampadova zu Beginn ebenfalls einen Luftballon in der Hand. Geprägt von der neoklassizistischen Schule John Neumeiers bleibt Plegge in seiner Choreographie am konventionellsten an diesem Abend, doch gelingen zu klassischen Klängen von Schumann, Schubert bis György Kurtág einige stimmungsvolle Bilder. Wie schon Thoss setzt er Valeria Lampadova und Tenald Zace ein, wenn es um ausdrucksstarke Momente geht: in einem Duo und als sie auf dem schrägen Podest steht, gezogen von einer Menge an Tänzern – und damit ein Bild kreiert, dass an das Monumentalgemälde „Floß der Medusa“ von Géricault erinnert. Mal zu dritt, mal zu viert oder fünft wird getanzt, mal ist es das ganze Ensemble synchron.Valeria Lampadova balanciert zögernd am Rand der Ebene, bis sie sich schließlich traut zu springen – ein starker Anfang ist gemacht.

 

Für die Novemberausgabe 2014 der kulturnachrichten, Copyright Julia Reichelt

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