Zeiträume – Ausstellung im Offenen Haus

Gabriele Nold, Käthchen und Lisa, 2012, Acryl Collage Leinwand, Copyright Künstlerin

Verlängert bis 18. Dezember zeigt das Offene Haus in der Rheinstrasse 31 die Ausstellung „Zeiträume“, parallel zu der gleichnamigen Vortragsreihe der Evangelischen Stadtakademie. Alle der acht ausgestellten regionalen Künstlerinnen und Künstler haben in ihrem Werk einen besonderen Bezug zum Thema Zeit.Nicht die punktuell erfahrbare Zeit, wie sie etwa durch ein konkretes historisches Ereignis wäre, sondern wie sich die Zeitdauer metaphorisch erschließen lässt, steht im Mittelpunkt dieser von Roland Held kuratierten Ausstellung. Georg Schrabeck prägt Zeilen seiner Gedichte auf sein Lieblingsmaterial Blei „Als ich Kind war die Welt in jedem Blätterfall ein leiser Tod“ ist über mehrere Bleikreuze zu lesen. Dem melancholischen Text entspricht die Schwere des verwendeten Materials. Seine fünfteilige Serie „An Chronos – Variationen über die Zeit“ scheint in den geschlossenen Behältern und Kuben die Zeit einzufangen und bewahren zu wollen. Auch Ralf Kopp hält in seiner Arbeit „Konservate“ die Zeit in Gefäßen fest: In Präparategläsern, wie man sie im Chemielabor verwendet, zeigt er Ausschnitte aus alten Fernsehsendungen, die ihn geprägt haben. So flimmern auf Minimonitoren Szenen von der „Sendung mit der Maus“ bis über Nachrichten über die Terrroranschläge am 11. September 2001. Zygmunt Blazejewski schließt mit seiner Vergangenheit ab, indem er den Wust an Dingen, die ihm gedient oder die ihn belastet haben, vergoldet. Anschließend will er sie künstlerisch verwenden. „Thanks to material“ wird seine Großinstallation heißen, ein Foto des Materiallagers ist in der Ausstellung zu sehen. Katharina Sommer erweist alten Familienfotos die letzte Ehre, indem sie Teile davon farbig bestickt oder näht. So werden die Schleifen der Mädchen aus der Schulklasse ihrer Mutter farbig hervorgehoben. Eine jede bekommt besondere Zuwendung durch das Besticken der individuellen Schleifen am Haar. Ein besonders unglücklich wirkendes Mädchen wird durch ein Herz-Jesu Sternchen und einen Rahmen aus altem Spitzenstoff wertgeschätzt. Der textile Fotodruck „Frauenzimmer mit Meerblick“ zeigt ein menschenleeres Gründerzeitinterieur, dass aufgrund der Fülle an Nippes beklemmend voll wirkt. Indem Sommer Partien innerhalb eines Bilderrahmens blau bestickt, gelingt ein Entfliehen, ein Durchbruch in eine andere Sphäre und macht das Beengende dieser Zeit erfahrbar. Das kühl anmutende Aludipont, auf dem Ute Döring ihre Fotografien zeigt, bildet einen spannenden Kontrast zu den textilen, weicheren Arbeiten von Katharina Sommer. Döring hat an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea fotografiert und kombiniert diese Bilder mit alten DDR-Postkarten. So erscheint ein Wachsoldat mit halbautomatischer Waffe inmitten einer friedlichen Cafészene, blicken Koreaner statt nach Nordkorea auf die quietschbunte „Messestadt Leipzig“. Ute Döring hat selbst diese Zeiten erlebt, bevor sie Anfang der 90er Jahre von Ost- nach Westdeutschland gekommen ist. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit durch alte Familienfotos beschäftigt auch Gabriele Nold. Sie bearbeitet die fotografische Vorlage malerisch stark indem sie Partien durch verschwommene und abstrakte Elemente verändert. Sie zeigt in „Im Garten I“ den Vater beim Rasenmähen, verweigert aber den Blick auf den Rasenmäher selbst. So fängt sie das Lebensgefühl der arbeitsamen fünfziger Jahre ein, macht aber aus ihm auch eine Art Sysiphos-Figur, die gegen die Last des Lebens anzuschieben scheint.

Während Andreas Wald die vergehende Zeit an Gebäuden festmacht, sind es bei Karla Höning die Menschen selbst. Virtuos zeichnet Wald ein zerfallendes Fachwerkanwesen in Aquarell, keilt in „Erpressung“ ein ruinöses Gründerzeitgebäude zwischen gläserne, moderne Architektur.

Karla Höning malt Porträts alter Menschen in Öl auf Holz. „Jägerin der weißen Wolke“ oder das „Jahr des trotzigen Traubenzuckers“ nennt sie die einsamen Greise, die mit ihrem Spielzeug auf einem Stuhl oder Sessel sitzen. Das ganze Leben ist in diesen Gesichtern ablesbar und der stark farbige Hintergrund lässt sie regelrecht auf den Betrachter zu rücken. Dem chinesischen Apfelbauern ist sein schweres Arbeitsleben nicht nur im faltig zerfurchten Gesicht, sondern auch an den schwieligen Händen abzulesen. Trotz des schweren Lebens und den Turbulenzen, die er in seinem Land erlebt hat, hat er sich einen freundlichen Ausdruck bewahrt – und das kann das Fazit dieser Ausstellung sein. Zeiträume hinterlassen ihre Spuren – wie tröstlich, wenn sie, trotz aller Widrigkeiten freundlich bleiben.

Für das Darmstädter Echo, © Julia Reichelt

Karla Höning

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