Schossgebete – der Film zum Buch von Charlotte Roche

Lavinia Wilson und Jürgen Vogel in "Schossgebete", Copyright Constantin Film

Kein Ekel-Schocker, sondern ein Film, der einem nachgeht. Sönke Wortmann („Das Wunder von Bern“) verfilmt den zweiten Roman von Charlotte Roche „Schossgebete“. Nach ihrem erfolgreichen Erstlingswerk „Feuchtgebiete“ (2008) geht sie mehr in die Tiefe, und das bedeutet in diesem Fall, ins Autobiographische. Anders als der Roman, der collagenhaft drei Tage im Leben der Mittdreissigerin Elizabeth Kiehl erzählt, verfilmt Wortmann stringent ihre Geschichte. Auch wenn die „Schoßgebete“ nicht ganz ohne Widerlichkeiten wie Pojucken und Würmer auskommen – die Gratwanderung zwischen Tragik und Humor gelingt.Eine fast ganz normale Patchworkfamilie von heute. Elizabeth (Lavinia Wilson) lebt mit ihrer achtjährigen Tochter und ihrem Mann Georg (Jürgen Vogel), der nicht Vater der Tochter ist. Sie achtet penibel auf gesunde Ernährung und vor allem darauf, dass ihre Tochter es ganz anders hat, als sie es hatte.Mit ihrem Mann Georg wiederum hat sie nicht einfach nur Sex, sondern leiht sich stapelweise Pornos aus und geht mit ihm in den Puff. „Nur beim Sex fühle ich mich so richtig frei.“, auch wenn sie dabei an Alice Schwarzer denken muss,wie sie aus dem Off kommentiert. Und an ihre männerhassende Mutter. Denn so detailliert sie auch ihr Intimleben beim wöchentlichen Besuch bei der Therapeutin durchkaut, die ihr „eigentlich Geld für die vielen geilen Geschichten, die sie ihr erzählt“ geben müsste, ist Dreh und Angelpunkt der Geschichte ein traumatisches Ereignis. Kurze Rückblenden in pastelligen Farben verweisen auf eine Zeit, in der die Welt noch heil und die Familie noch beisammen war. Doch auf dem Weg zu Elizabeths Hochzeit kommen drei ihrer Geschwister bei einem Autounfall ums Leben, wird die Mutter schwer verletzt. Seitdem beschäftigt sich Elizabeth obsessiv mit ihrem Tod, lässt zigmal ihr Testament beim Notar ändern, bereitet die ganze Zeit ihren Abgang vor.

Zwischen Leben und Tod bewegt sich der Film, zwischen Eros und Thanatos: Das diese Gratwanderung nicht ins Pathetische oder Kitschige abgleitet, liegt an der bekannt unverblümten Erzählweise Charlotte Roches und an der Verfilmung Sönke Wortmanns, der sensibel und in dichten Szenen Lavinia Wilson in ihrer Rolle brillieren lässt. Aus dem Off kommentiert Elizabeth die Szenen, beim Sex genauso wie in dem Moment, als sie die Urnen ihrer toten Geschwister schüttelt und sich fragt, wie denn da überhaupt etwas drin sein kann. „Du hast einen Scherbenhaufen geheiratet“, erklärt sie ihrem Mann, der gelassen und liebevoll auf ihre Stimmungsschwankungen reagiert, cool bleibt, wenn sie hysterisch ist. Und der sie endlich davon überzeugt, dass sie Leben soll, statt sich aufs Sterben zu konzentrieren.

Copyright Julia Reichelt, für das Darmstädter Echo

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