Sönke Wortmann stellt seinen neuen Film “Schossgebete vor”

Sönke Wortmann, Copyright Constantin Film

Privilegierte Preview am Dienstag im Rex-Kino: Sönke Wortmann hat nach Köln, wo der Film gedreht wurde und Berlin, in Darmstadt als dritter Station seinen neuen Film „Schoßgebete“ persönlich vorgestellt. Im Gespräch danach hat er allerhand Anekdoten rund um den Dreh erzählt, ist einfachen wie ungewöhnlichen Fragen charmant gerecht geworden.„Jetzt geht nicht mehr der Ekelfaktor weiter.“ stellt Sönke Wortmann am Dienstag im Rexkino klar, als er seinen neuen Film „Schoßgebete“ nach Charlotte Roches zweiten Roman vorstellt. In ihrem Erstlingswerk „Feuchtgebiete“ (2008), hat sich die ehemalige VIVA-Moderatorin über die 18jährige Hauptfigur Helen Memel provokativ mit den Themen Ekel und Sexualität auseinande, ekelresistent mussten dann auch die Zuschauer der Verfilmung 2011 durch David Wnendt sein.

Anders als es der Titel vielleicht vermuten lässt, knüpft ihr zweiter Roman „Schoßgebete“ (2011) nicht an die „Feuchtgebiete“ an, sondern ist die autobiographisch geprägte Aufarbeitung eines Familientraumas, das Charlotte Roche erlebt hat: Auf dem Weg zu ihrer Hochzeit sind bei einem Unfall ihre drei Geschwister umgekommen, wurde ihre Mutter schwer verletzt. Per Zufall ist Sönke Wortmann das Buch in die Hände gefallen, ebenso wie sein Co-Produzent Oliver Berben war er direkt berührt von der Geschichte und hat an eine Verfilmung gedacht.

Die „Feuchtgebiete“ hatte er nicht gelesen, weil es ihn für ihn vom Thema her uninteressant war, erzählt er im Anschluss des Films, worauf hin im Publikum gelacht wird. Etwa ein Drittel der Zuschauer hatte die Verfilmung gesehen, wie Wortmann per Fingerheben abfragt, nur ein Einziger hat die „Schoßgebete“ gelesen. Damit wird er vielleicht zu kämpfen haben, wie er im Gespräch mit Andreas Heidenreich feststellt: Mit der Erwartung der Leute, die das Buch gelesen haben und der Erwartung derer, die es nicht gelesen haben. Freimütig und sympathisch redet er von seiner Befürchtung, dass eine so coole Frau wie Charlotte Roche ihn als „Kommerzfuzzi“ nicht für die Verfilmung ihres Buches akzeptiert. Das Gegenteil trat ein, sie steht voll hinter dem Projekt, war auch bei der Berlin-Preview mit dabei.

Drastisch ist sie dennoch, die Titelrolle der Mittdreißigerin Elizabeth Kiehl. Viele haben sich nicht getraut, diese Rolle zu spielen, erzählt Wortmann. Für ihn stand schon nach dem fünften Casting fest, dass Lavinia Wilson seine Traumbesetzung ist. Dass sie auch optisch Charlotte Roche ähnelt, war hingegen nur Zufall. Ihr Mann Georg wird von Jürgen Vogel gespielt, der die gewünschte „Fels in der Brandung“-Aura hat. Er musste direkt an seinem ersten Tag mit einer Sexszene starten, aber sein Kommentar dazu war „Nichts leichter als das.“ . Für Wortmann selbst war es allerdings eine der schwierigsten Szenen. „Ich filme nicht gerne mit nackten Leuten, die ich kaum kenne, selbst wenn es sich um Jürgen Vogel handelt“. Denn den kennt Wortmann schon lange, überhaupt arbeitet er gern mit der gleichen technischen und kreativen Crew. Das sei für ihn das Wichtigste, gute Mitarbeiter zu haben – „Ich hab da den einfachsten Job in dem Ganzen“, gibt er zu. „Ich muss nur sagen das will ich, das will ich nicht.“ Denn schließlich gilt: Je besser das Team, um so mehr Lob kriegt der Regisseur.

In Jeans und T-Shirt, verwuschelten Haaren nimmt sich Wortmann viel Zeit, um Fragen aus dem Publikum zu beantworten und gibt gleichzeitig eine Einführung ins praktische Filmemachen: Er erklärt, was ein Oktokopter ist – eine Kamera, die aus der Luft filmt und die er ebenso wie eine Bauchkamera für die Unfallszene eingesetzt hat. Dass für drei, vier Minuten Film etwa ein Drehtag gerechnet werden muss und wie streng logistisch die Szenen geplant werden, damit nicht etwas passiert, was er an der Filmhochschule in München erlebt hat: Als eine Szene, in der ein 1000 Teile Puzzle zusammengesetzt werden musste und nur noch ein Teilchen fehlte, aus Fehlplanung vom Aufnahmeleiter alles wieder zerstört wurde. Nur eine Frage beantwortet er an diesem Abend nicht: Welche Schauspieler sonst noch in Frage gekommen wären

Zu Sönke Wortmann

Der ehemalige Fußballspieler Sönke Wortmann (geboren 1959) hat er an der Filmhochschule in München studiert. Nach seinem ersten großen Kinoerfolg „Allein unter Frauen“, verhalf er mit seiner Komödie „Kleine Haie“ 1992 den damaligen Schauspielschülern Jürgen Vogel und Kai Wiesinger zum Durchbruch. Sein Film „Der bewegte Mann“ (1994) mit Til Schweiger war mit 6,5 Millionen Zuschauern einer der erfolgreichsten Filmkomödien Deutschlands. Zweiterfolgreichster Film des Jahres wurde sein „Wunder von Bern“ 2003. Im Jahr 2006 begleitet er die deutsche Nationalelf mit der Kamera, es entsteht sein Dokumentarfilm „Deutschland. Ein Sommermärchen“, ebenfalls ein Riesenerfolg. Sönke Wortmann lebt mit seiner Familie in Düsseldorf.

Copyright Julia Reichelt, für das Darmstädter Echo

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